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Kurz & Bündig
Der Anfang
Das Projekt
Ausblick
Das Team

Kurz & Bündig

Seit November 2004 arbeitet die ausgebildete Friedensarbeitern Anna Crummenerl aus Köln mit MitarbeiterInnen aus Palästina und Israel, sowie internationalen VolontärInnen, mit den Jahalin-Beduinen.

Deren Vertreibung aus dem Negev begann Anfang der 50ziger Jahre nach Gründung des Staates Israel 1948. In den darauffolgenden Jahrzenhnten folgten mehrere Verteibungen. Die letzte und massivste war Mitte der 90ziger Jahre im Zuge des Ausbaus der größten israelischen Siedlung in der Westbank: Ma'ale-Adumim.

Ein steiniger Hügel, in unmittelbarer Nähe der größten Jerusalemer Mülldeponie, wurde den Jahalin-Beduinen zugewiesen. Hier leben etwa 1000 Menschen, immer noch ohne ausreichende Infrastruktur, Wasser und Elektrizitätsversorgung.

Unsere Arbeit im Jahalin-Projekt findet direkt „auf dem Hügel“, und in unserem Studycenter, einer umgebauten Garage in Azaryah, statt, in der es mehrere Computer mit Internetanschluss gibt. Außerdem arbeiten wir eng mit den Lehrerinnen der Anwar-Schule, die sich in unmittelbarer Nachbarschaft des Studycenters befindet, zusammen. Hier werden Kinder der Jahalin-Beduinen gemeinsam mit palästinensischen Kindern aus Azaryah unterrichtet und ausgebildet.

Alle Aktivitäten – und dieses ist die Grundidee des Projektes im Rahmen der „Zivilen Friedensarbeit“ – werden in gemeinsamen Anstrengungen um verbesserte Lebensbedingungen für die Jahalin-Beduinen mit Menschen aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Zusammenhängen durchgeführt. Gemeinsame Lern-Erfahrungen, das Schaffen geschützter Räume, gegenseitiges Verständnis und konstruktive Auseinandersetzungen sind elementare Bestandteile unserer Arbeit und Aller im Projekt Beteiligten.

Das sind die Friedensfachkraft aus Deutschland, der deutsche Zivildienstpflichtige, MitarbeiterInnen aus der Beduinen-, palästinensischen und israelischen Gesellschaft und internationale VolontärInnen, unterstützt von der palästinensischen Nichtregierungs-Organisation „PARC“ und der israelischen Nichtregierungs-Organisation „Rabbis for Human Rights“.

Angebote im Caravan, unserem Zentrum auf dem Hügel:



Mit den Frauen: Arabisch für Analphabetinnen, Näh- und Stickerei-Kurse, Ernährungslehre-Kurs mit Kochen und Backen



Mit den Mädchen: Englisch-Unterricht, Kunstworkshop, Bücherei – und Leseworkshop



Mit den Jungen: Sportaktivitäten, Englisch-Nachhilfe, Mitarbeit bei Bau- und Renovierungsarbeiten



Mit den Studentinnen/Jungen Frauen: Ausbildung zu Leiterinnen bei der Organisation von Sommercamps



Angebote im Studycenter:



Mit den jungen Männern: Hebräischkurse, Computer- und Internetkurse



Mit den Jungen: Computer- und Internetkurse, Englisch-Unterricht



Mit den Mädchen und Frauen: Computer- und Internetkurse

Arbeit mit der Anwar-Schule:

Unterstützung bei Englisch- und Sportunterricht



Umwelt- und Gartenprojekte



Gemeinsame Ausflüge



Organisation und Durchführung von gemeinsamen Festen





Der Anfang

Zeichen setzen

Es war im Sommer letzten Jahres auf dem Geburtstagsfest einer Freundin. Ich wurde den Gästen vorgestellt als „Anna, die in der Westbank mit den Jahalin-Beduinen arbeitet, an den Checkpoints steht, Olivenbäume pflanzt, kurzum, etwas für den Frieden tun möchte.“ Ein Freund des Hauses fragt nach Näherem, Konkretem, will vom Alltag dieser Arbeit wissen. Ich erzähle ihm, d.h. ich versuche es, doch schon nach einigen Augenblicken unterbricht er mich, nicht unhöflich oder schroff, eher verzweifelt scheint mir sein Ausruf: “Das ist ja erschütternd, aussichtslos, das nützt doch nichts!“ Fassungslos fragt er mich, wie ich mit dieser „Erfolglosigkeit“ nur leben könne.

Wäre ich diesem Mann vor vier Jahren begegnet, am Beginn meines Weges zu dieser Arbeit, so hätte er mich sicherlich sehr verwirren können, war doch Friedenspolitik (ihr Gelingen und Scheitern) auch für mich synonym für die „große Politik“, nahm auch ich Bewegungen und Veränderungen erst wahr, für bedeutsam und als erfolgreich „geadelt“, wenn die „Großen“ und „Mächtigen“ daran beteiligt waren. Und „die“ verheißen in den letzten Jahren nichts Gutes; sehen wir die Politik der Sprachlosigkeit, Schuldzuweisungen, gewaltsamen Übergriffe, der explodierenden Autobusse, des Mauerbaus. Die Spirale der Gewalt scheint sich ins Endlose zu bewegen.

Soweit die Fakten! Was ist dazu noch zu sagen?

Die kostbaren Erfahrungen der letzten Jahre lehren mich etwas Neues.

Ich erinnere mich sehr gut daran, als ich zum ersten Mal Gandhis Aussage hörte: „Es gibt keinen Weg zum Frieden, Frieden ist der Weg.“ Ich verstand es nicht, dachte an Wortspielerei. Ganz allmählich, durch das Tun und die erlebte Erfahrung, beginnt sich mein Verständnis zu ändern, ist da eine Idee, wie sehr dieses Denken bei mir alles vorherige auf den Kopf stellt. Ich erlebe es als Aufforderung, dass wir die Veränderung sein sollen, die wir zu sehen wünschen. Jede und Jeder ist angesprochen. Es ist Handeln und Tun, jetzt und hier, und es bedarf insbesondere des Gebrauchs unserer Freiheit, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen.

Ich habe in meiner Arbeit mit den Jahalin-Beduinen Menschen aus drei Gesellschaften erlebt, die von dieser Freiheit Gebrauch machen, Menschen aus Israel und Palästina, die sich nicht vorschreiben lassen, wer ihr Feind zu sein hat und wann die Zeit für einen Dialog, eine Begegnung reif ist, die sich bewegen, aufeinander zu bewegen, auch wenn es oft noch sehr fragil ist, manchen Schmerz verursacht und große Anstrengungen fordert. Doch von hier gehen neue Impulse aus, hier kann man die lähmende Hilflosigkeit und Depression überwinden lernen. Und vielleicht hat es gar eine Resonanz auf anderen Ebenen... wer weiß es schon?

Ich vermag die Erfahrung mit all diesen Menschen gar nicht genügend wert zu schätzen. Ich sehe sie als großes Geschenk, das wir uns gegenseitig machen, wo wir im besten Sinne miteinander teilen.

Und nun wird diese Arbeit öffentlich gefördert und unterstützt durch das Bundesministerium für Zusammenarbeit! Für mich ist es ein Zeichen der Würdigung der friedenspolitischen Aktivitäten und Anstrengungen in der Gesellschaft, an der „Wurzel“, im wirklichen Leben. Und ich sehe es auch als politische Würdigung der besonderen Lebenssituation der Jahalin-Beduinen, der Zerstörung ihrer Lebenswelt und Kultur und dem Zerrieben werden in diesem Konflikt. Möge diese Unterstützung des Projekts dem Ringen dieser Menschen um ein menschenwürdiges Leben einen großen Dienst erweisen.

Neue Kreise und Welten tun sich auf:

Mit dem Bund für soziale Verteidigung als Partnerorganisation wünsche ich mir eine fruchtbare und ertragreiche Zusammenarbeit bei der Gestaltung des Projekts, und insbesondere ein Zurückfließen der Erfahrungen in die deutsche Gesellschaft und in die Arbeit der Friedensbewegung.

Mit dem Forum Ziviler Friedensdienst möchte ich, durch meine praktischen Erfahrungen, einen Beitrag zur Weiterentwicklung des Selbstverständnisses der Zivilen Friedensarbeit und ihrer gesellschaftspolitischen Bedeutung leisten. Die Rabbis For Human Rights (RHR) habe ich während meiner Ausbildung zur Zivilen Friedensarbeiterin kennen gelernt. Sie unterstützen seit vielen Jahren die Jahalin-Beduinen. Nun sind sie eine der Partnerorganisationen vor Ort und die bisherige Arbeit kann ausgeweitet und in einen größeren politischen Zusammenhang gestellt werden.

Ebenso wird die Zusammenarbeit mit der palästinensischen Nichtregierungs-Organisation PARC (Palestinian-Agri-Cultural-Relief-Committee) ganz sicher im Zuge dieser öffentlichen Förderung einen weiteren Schub erfahren.

Neben dem ganz eigenen Weg in dieser Arbeit während der letzten Jahre (den ich in gewissem Sinne auch nur ganz alleine gehen konnte) habe ich viele Menschen kennen gelernt, ohne deren Initiative und Unterstützung die Dinge sicher heute nicht so wären, wie sie sind. Hier möchte ich insbesondere die Arbeit von Annelise Butterweck, ihr Wirken in der Evangelischen Gemeinde Bensberg und bei den Kölner „Frauen in Schwarz“ dankbar erwähnen. Ich habe sie während meiner Ausbildung im Jahr 2000 kennen gelernt Sie hat seit 1998 Kontakt mit den „RHR“ und die Gemeinde unterstützt seitdem zweimal im Monat die Arbeit bei den Jahalin mit ihrer Kollekte. Sie war - neben vielen weiteren UnterstützerInnen - die Initiatorin und finanzierte mit der Gemeinde Bensberg einen wunderschönen Caravan für die Jahalin und sie brachte Jeremy Milgrom von den RHR und Mitarbeiter von PARC in der Organisation für den Aufbau des kleinen Frauenzentrums im Camp der Jahalin zusammen. Heute ist es das „Herzstück“ in der Arbeit und Zentrum für Begegnungen von Menschen aus allen drei Nachbar-Gesellschaften und aus aller Welt.

Mögen noch viele solcher „Herzstücke“ wachsen!

Anna Crummenerl

Das Projekt

Am Anfang stand der politische Widerstand gegen die Besatzungsmacht. Er richtete sich gegen die gewaltsame Vertreibung der Jahalin-Beduinen, denen nach ihrer Abschiebung aus dem Negev 1948 von den Bauern aus El Aizariya und Abu Dis erlaubt worden war, auf ihrem Grund und Boden ihre Zelte aufschlagen zu dürfen und ihre Tiere dort weiden zu lassen. Aber als nach der Gründung der Siedlung Maale Adumim durch Teddy Kollek 1980 im darauffolgenden Jahre die ersten Siedler dort einzogen – vorher war dieses palästinensische Land zum „Staatsland“ erklärt worden und wurde dann als „Zone C“ bezeichnet – begann die allmähliche Vertreibung der Beduinen. 1993 bildete sich eine Unterstützergruppe , die sich mit den Jahalin solidarisierte und gewaltlos gegen das Unrecht demonstrierte. Eine der entschiedensten Gegnerinnen der Ausdehnung Maale Adumims auf Kosten der Jahalin war Marylene Schultz, Erzieherin aus Frankreich bei den Sozialwaisen der „Four Homes of Mercy“ seit 1967. Es gesellten sich auch Israelis dazu, unter ihnen Jeremy Milgrom aus Jerusalem von den „Rabbis for Human Rights“, der ihrem Aufruf gefolgt war und seitdem die Jahalin betreut. Leider hatte dieser Widerstand keinen Erfolg. 1997 wurden die Jahalin endgültig von ihren Wohnsitzen vertrieben. Sie wurden auf den „Jabal“, einen unwirtlichen Hügel, 500 m von Jerusalems größter Mülldeponie entfernt, verfrachtet. Wie Wiltrud Rösch-Metzler in ihrem Buch „Ohne Wasser. Ohne Land. Ohne Recht“ schreibt, ist der Platz ungesund. Ärzte hätten bestätigt, „dass es gesundheitsschädlich ist, dort zu leben “ (S. 145). Nichts als ausgediente Schiffscontainer, die nach einer Seite hin offen sind, wurden ihnen zur Verfügung gestellt.

Ein neues Kapitel...

...und damit ein neues Glied in einer Kette von Initiativen begann dadurch, dass wir, die Bensberger Evangelische Gemeinde, 1998/1999 Partnerschaft mit den „Rabbis for Human Rights“ schlossen. Der Anstoß dazu kam von unserem Pfarrer Wolfgang Graf. Dieser hatte mich eines Sonntags gefragt, ob ich, nachdem die Partnergemeinde aus der Ex-DDR ausgeschieden war, wohl eine jüdische Gemeinde ausfindig machen könne, mit der wir eine neue Partnerschaft eingehen könnten. Mir gefiel diese Idee sehr gut, und ich erklärte mich dazu bereit, fügte aber hinzu, dass die Palästinenser auch eine Rolle dabei spielen müssten. Das war kein Problem, und so streckte ich meine Fühler nach den „Rabbis for Human Rights“ aus, denn ich wollte gerne zwei Dinge miteinander verbinden: Intensivierung des Christlich-Jüdischen Dialogs auf der einen Seite und Mitwirkung bei der Friedens-und Menschenrechtsarbeit im israelisch-palästinensischen Konflikt auf der anderen Seite. Ich schrieb einen Brief an Rabbiner Jeremy Milgrom, der zu dieser Gruppierung gehörte, den ich aber nur sehr oberflächlich kannte. Es stellte sich heraus, dass er sehr begeistert von dieser Idee war. Es fügte sich, dass er genau in diesem Jahr eine Vortragstour durch Deutschland machte und am Schluss noch ein Posten offen war, d.h.er konnte seine Reise mit einer Predigt in der Evangelischen Kirche Bensberg beenden. Dies geschah in der Weise, dass er eine mitreißende Predigt über Jakob und seinen Traum von der Himmelsleiter hielt, die mit lebhaftem Beifall aufgenommen wurde. Dass ein Rabbiner in der Kirche predigte, das hatte man hier noch nie erlebt! Das Presbyterium war denn auch schnell entschlossen, Partnerschaft mit ihm als Glied der „Rabbis for Human Rights“ zu schließen. Von nun an wurde und wird alle zwei Wochen im Gottesdienst Kollekte dafür gesammelt. Natürlich erzählte er uns während seiner weiteren Besuche auch ausführlich von den Jahalin und ihrem Schicksal. Einmal bat er uns in einem bewegenden Brief um eine besondere Spende für eine Jahalinfrau, die an einem Gehirntumor operiert werden musste. Auch der Eine-Welt-Kreis Bensberg (EWK) unterstützte und unterstützt die Jahalin immer wieder durch finanzielle Beiträge, aber auch direkt durch Volleybälle und Fußbälle aus fairem Handel sowie durch Solarradios. Doch was uns fehlte, war ein ständiges, konkretes Projekt, denn wir wollten unsere Kollekte nicht gerne nach dem Gießkannenprinzip einsetzen.

Hier nun folgt ein weiteres Glied in der Verkettung der Initiativen: die Gründung eines Frauenprojekts bei den Jahalin. Dies geschah im Januar 2002, als ich an der Olivenbaumpflanzkampagne der „Rabbis for Human Rights“ teilnahm. Ich ergriff die Gelegenheit - nachdem wir auch einige Bäumchen bei den Jahalin gepflanzt hatten - mich mit PARC ( Palestinian Agricultural Relief Committee), einer palästinensischen NGO, von der ich durch Informationsmaterialien über „Brot für die Welt“ ( schon 1981 hatte ich von dort wertvolle Hinweise für eine Klassenfahrt nach Neve Shalom erhalten!) erfahren hatte, in Verbindung zu setzen. Hier konnte ich, zusammen mit mehreren Fachkräften und Rabbiner Jeremy Milgrom, unser Frauenprojekt „aus der Taufe heben.“ Unsichtbar dabei anwesend war Suleiman, der erste Sprecher des Jahalinkomitees, denn dieser hatte mir einmal gesagt, als ich die Jahalin besuchte: “Our women want to work“ – ein Satz, den ich seitdem mit mir herumgetragen hatte. Zuerst hatte ich an eine Hühnerzucht gedacht, aber die PARC-Leute überzeugten mich davon, dass es gut wäre, wenn man dort auf dem „Jabal“ einen Caravan aufstellen würde, in dem Alphabetisierungs-Näh- und Beauty-Kurse abgehalten werden könnten, damit auf diese Weise die Bedingungen für eine eventuelle Erwerbstätigkeit der Frauen geschaffen werden könnten. Später wurde dieses Projekt durch das Bensberger Presbyterium abgesegnet, wobei für die Finanzierung die spärlich fließenden Kollekten nicht ausreichten, so dass ich selbst den größten Teil des Geldes aus meinen Ersparnissen bei „Oikocredit“ beisteuerte, aber es dauerte dann doch noch ein volles Jahr, bis der Caravan aufgestellt werden konnte. Dieses Ereignis wurde gebührend gefeiert. Ich jubelte:

„Hurra, hurra!
Der Caravan ist da!“


Und unser Pfarrer dichtete:

Zuerst hieß es ja: Dann und dann!
Doch niemals kam ein Caravan.
Man zweifelte schon langsam dran
und sprach: Wann kommt der Cara-wann?
Nun doch Vollzug. Da ist was dran!
Aus Cara-wann ward Cara-dann.
Jetzt an die Bildung: Drauf und dran!


Auch Jeremy Milgrom gab „seinen Senf“ dazu:

„Zwei Dutzend Männer und Jungen versammelten sich, um zu beobachten, wie der Caravan aufgestellt wurde. Meine Tochter Kinneret und ich schlossen uns ihnen drinnen im Caravan an, indem wir den Raum durchschritten, staunend über die neueste Ergänzung des Grundstücks – jetzt sind da auf der Spitze des Hügels sieben ähnlich konstruierte Gebäude – fünf für die Schule, eines, das gelegentlich als Klinik dient, und nun dieses. ’Endlich!’ sagte ich, ‚okay, raus mit allen Männern – das ist für die Frauen!’ So möge es Gottes Wille sein.“

Dann aber mussten wir noch ungefähr ein halbes Jahr warten, bis sich der Caravan mit Leben füllte und die geplanten Kurse abgehalten wurden. Dabei verdient der Alphabetisierungskurs besonders erwähnt zu werden. Denn PARC hatte dafür keine Lehrerin gefunden, doch die Frauen ergriffen nun selbst Initiative, und tatsächlich! Sie fanden jemanden! Es war die Frau Suleimans, die sie dafür ausersehen hatten. Er selbst erzählte mir später, zuerst sei er überhaupt nicht damit einverstanden gewesen, dass seine Frau diese Aufgabe übernehmen solle, aber sie und die Frauen hätten sich durchgesetzt, und als er gesehen habe, dass der Kurs so großen Anklang fand und die Frauen mit Begeisterung schreiben und lesen lernten, sei er überzeugt worden, dass diese Entscheidung richtig gewesen sei. Ein kleiner Sieg über patriarchalische Verhaltensweisen! Für mich war es sehr schön, miterleben zu können (nachdem ich im Frühjahr 2003 zu meiner großen Enttäuschung noch keinerlei Aktivitäten dort vorgefunden hatte), als ich im Herbst 2003 bei Um Musab hospitieren konnte und die glänzenden Augen der Frauen sah, die sich freuten, endlich lesen und schreiben lernen zu können!

Ein weiterer Schritt...

...auf diesem Wege wurde getan, als es mir im vergangenen Sommer (2004) gelang, zu dem bestehenden Männerkomitee auch eine Art von Frauenkomitee zu gründen. Als Suleiman von dieser Idee erfuhr, war er – auch diesmal! – strikt dagegen: „ Mit unseren Frauen können wir nicht reden ( oder kooperieren),“ war sein Argument. Aber Jeremy Milgrom, der auch an diesem Treffen teilgenommen hatte, fand eine geradezu salomonische Lösung: Man könne doch zu den Jahalinfrauen auch noch Volontärinnen hinzuziehen. Diese Idee fand allgemeine Billigung, auch Suleimans. Die Krönung des Ganzen aber fand ihren Ausdruck darin, dass Marylene sich plötzlich entschloss, auch Mitglied dieses Komitees zu werden! Auf diese Weise kam eine bunte Mischung zustande: Zwei Jahalinfrauen,die Alphabetisierungslehrerin, eine Jahalinstudentin, eine palästinensische Volontärin von PARC, eine israelische Volontärin und Marylene als Französin, oder auf die religiöse Zugehörigkeit verteilt: Drei Mosleminnen, eine Jüdin und eine Christin. Damit können nun die Kurse weiter laufen, bezahlt werden und viele andere Aufgaben besprochen und bewältigt werden.

Noch ein wichtiges Glied in der Verkettung der Initiativen wurde geschaffen, als wir Kölner „Frauen in Schwarz“ 2003 bei der Stadt Köln Gelder für die Einrichtung einer kleinen Bibliothek beantragten und dann auch erhielten ( unter 25%iger eigener Beteiligung). Mehrere engagierte Helferinnen, darunter eine Direktorin aus Akko, kümmerten sich um die Anschaffung zweier Schränke und um die Besorgung arabischer und englischer Bücher, aber auch zweisprachiger, d.h. arabisch-hebräischer, Jugendbücher. Als wir im Sommer 2004 zu vier Frauen, drei aus Köln (WIB) und eine aus Württemberg zu den Jahalin fuhren, konnten wir die bis dahin gekauften Bücher katalogisieren, wobei Abu Iyyad die arabischen bearbeitete. Aber diese Arbeit muss weitergehen, denn inzwischen wurden noch viel mehr Bücher angeschafft, die ebenfalls in die Kartei eingeordnet werden müssen. Auch eine Bibliothekarin muss noch gefunden werden.

Damit der Bildungssektor immer weiter entwickelt werden kann, sollen die Frauen, wieder mit Hilfe der Stadt Köln, auch einen Computer erhalten und damit einen zusätzlichen Anreiz, sich weiter zu bilden, ähnlich wie Beduinenfrauen in Jordanien. Und schließlich soll, in nicht allzu ferner Zukunft, auch ein Kindergarten auf dem „Jabal“ gebaut werden und damit ein sehnlicher Wunsch der Frauen in Erfüllung gehen. Yussef Abu Shadia ist schon dabei, zwischen den Säulen seines neu entstehenden Hauses Platz dafür zu schaffen. Auch dieses Projekt wollen wir Kölner „Frauen in Schwarz“ finanziell unterstützen. So kann auch mit unserer Hilfe die Vision der Jahalin, ein richtiges Dorf mit allem, was dazu gehört, zu bauen, allmählich Wirklichkeit werden, denn im vergangenen Frühjahr erhielten die Jahalin ganz überraschenderweise die Genehmigung von der israelischen Regierung, eigene Häuser dort bauen zu dürfen ( wahrscheinlich als kleine Entschädigung für die mehrfachen Vertreibungen, die sie erleiden mussten). Unsere Hilfe, bei der Erstellung einer vernünftigen Infrastruktur mitzuwirken, und die Bautätigkeit der Jahalin, die auch ein eigenes Schulgebäude und eine Moschee, die sogar schon benutzt wird, ergänzen sich damit auf gute Weise.

Es darf aber nicht vergessen werden...

...dass dieses Projekt eingebettet ist – von seiner Entstehung, aber auch seiner Fortführung her – in die Partnerschaftsarbeit, die durch die Kooperation zwischen israelischen Rabbinern, palästinensischen Fachleuten und unserer Gemeinde geschaffen wurde, mit allen Schwierigkeiten, die die Zusammenarbeit zwischen solch unterschiedlichen Partnern mit sich bringen. So wird unsere Gemeinde z. B am 31.Oktober 2004 ein Seminar abhalten, in dem zwischen Juden, vertreten durch Rabbiner Jeremy Milgrom, der natürlich auch die Interessen der Jahalin, damit von Palästinensern wahrnimmt, und Christen der verschiedensten Couleur das Problem diskutiert wird, in welcher Weise Deutsche nach einem jahrzehntelangen - mehr oder weniger intensiven - christlich-jüdischen Dialog verantwortungsvoll zu dem schwierigen israelisch-palästinensischen Konflikt Stellung nehmen und sich engagieren können.

Aber der Kette von Initiativen, deren Glieder ich bisher vorgeführt habe, würde ein außerordentlich wichtiges Element fehlen, wenn ich hier nicht die wunderbare Arbeit der Kölner Friedenskraft Anna Crummenerl ansprechen würde. Wie sie mir selbst erzählte, hat sie durch ihren Hebräischlehrer ( den ich selber auch kenne ) in Köln zum ersten Mal von den „Rabbis for Human Rights“ gehört. Als sie dann erfuhr, dass Jeremy Milgrom im Herbst 1999 in der Antoniterkirche eine Stadtpredigt über die Jahalin als unsichtbare Menschen am Rande der Gesellschaft gehalten hatte und unser Pfarrer Wolfgang Graf sie mit mir in Verbindung brachte, konnte ich ihr von unserer Partnerschaft erzählen und ihr Informationsmaterialien mitgeben. Im Zusammenhang mit ihrer Ausbildung zur Friedensfachkraft absolvierte sie dann im Jahre 2000 ein Praktikum bei dieser Menschenrechtsorganisation und lernte so auch die Jahalin vor Ort kennen. Im Laufe der Zeit, als sie die Jahalinkinder vor allem im Englischen unterrichtete, wurde ihr Engagement immer intensiver, von dem sie auch mehrfach den Bensberger Konfirmanden erzählen konnte. Als schließlich der Caravan auf dem „Jabal“ stand, entfaltete sie sehr vielfältige Aktivitäten, die zunächst vor allem den Frauen im neugegründeten Frauenzentrum zugute kamen. Dann aber entdeckte sie noch ein neues Feld, nämlich die überraschende Tatsache, dass mehrere Studentinnen der Jahalin in der Al Quds-Universität in Abu Dis studierten, und sie baute ein Unterstützungswerk für sie auf, an dem sich auch einige Kölner „Frauen in Schwarz“ beteiligen und Frauen aus dem EWK Bensberg und seinem Umkreis durch den Verkauf der von Anna verfassten Jerusalem-Tagebücher dazu beitragen. Bei der Einrichtung der Bibliothek engagierte sie sich ebenfalls, vor allem durch die Bestellung der Bücherschränke.

Es ist also deutlich geworden, dass es von Anfang an eine auf Wechselseitigkeit beruhende Kooperation zwischen ihr und uns gegeben hat und gibt. Doch mehr möchte ich hier nicht über ihr Engagement und ihr Konzept erzählen, da sie einen eigenen Bericht vorlegen wird.

Dr. Annelise Butterweck

Ausblick

Mögliche Weiterentwicklungen des Jahalin-Projekts und seines Umfeldes

Wenn ich an das Jahalin-Projekt und an die Bedingungen seiner Weiterentwicklung denke, fallen mir als erstes zwei schwerwiegende Faktoren ein, ohne die das Jahalin- Flüchtlingslager nicht zu denken ist: der weiter fortschreitende Bau der Trennmauer bzw. Sperranlage, die Israelis und Palästinenser völlig voneinander trennen soll, und Maale Adumim, die größte Siedlung der Westbank, in der nicht wenige Jahalin Arbeit finden.

Wenn die Trennung zwischen Israelis und Palästinensern konsequent durchgeführt werden wird, muss man damit rechnen, was manche Jahalin annehmen, dass sie auch zwischen Maale Adumim und dem „Jabal“ verlaufen wird. Die Frage ist, ob dann für die Jahalin noch die Möglichkeit bestehen wird, dort zu arbeiten. Vielleicht wird aber auch ein Zugang durch ein Tor ermöglicht, das wie anderwärts zu bestimmten Zeiten geöffnet wird.

Ein anderes Problem ist, wie gesagt, die Siedlung Maale Adumim. Wird sie, wie die Genfer Initiative vorschlägt, im Austausch gegen andere Gebiete an den Staat Israel annektiert, so dass Palästina zweigeteilt würde, oder wird sich der Wunsch Ella Sternbergs nach „Abgabe der israelischen Siedlungen an arabische Flüchtlinge“ ( zitiert nach A. Crummenerl, ZwischenWelten , S.8 ), verwirklichen, was z.B.auch der Journalist Peter Philipp schon vor Jahren gefordert hat und Uri Avnery in seinem eindrucksvollen Brief „Teurer Siedler“ aus dem Jahre 2000 dringend wünscht. Es gibt allerdings auch Verbrüderungsversuche zwischen Maale Adumim und den Jahalin. In „Friedensforum“ 4 / 2004 liest man auf S. 41 „...Dieses Projekt (gemeint ist das Jahalin-Projekt) soll nicht nur die Lebensbedingungen der Beduinen verbessern helfen, sondern auch zum Abbau von Schranken zwischen den Bewohnern des Beduinen-Camps , der palästinensischen Gesellschaft und den BewohnerInnen der nahe gelegenen Siedlung Ma’ale Adumim beitragen.“ Doch fragt man sich, wie das gemeint ist. Sollen die Jahalin den Siedlern attestieren, dass ihr Landraub rechtens war? Und wie sollen sie ihre Angst loswerden, sie würden „ in zehn Jahren erneut vertrieben “, wie Mohammad befürchtet? Sicher können einzelne Siedler, vielleicht vor allem Kinder, durch die konkrete Begegnung mit Jahalin ihre anerzogene und durch eine antipalästinensische Propaganda, aber auch durch die Erfahrung von Selbstmordattentaten ( die allerdings nie von den Jahalin oder, soviel ich weiß, von anderen Beduinen verübt wurden) erzeugte tief sitzende Angst überwinden. Es wäre auch zu fragen, wie groß der Einfluss des fundamentalistisch eingestellten Oberrabiners ist, der laut “The Israel Interfaith Association“ dagegen ist, dass die Siedlungen im Gazastreifen geräumt werden sollen, weil dort genuin biblischer Boden sei.

Die meisten Bewohner dieser Siedlung sind ja wahrscheinlich nur deswegen dorthin gezogen, weil ihnen dort von der israelischen Regierung billige Wohnungen zur Verfügung gestellt wurden, und sie würden vielleicht, wenn ihnen genügend Geld zur Verfügung gestellt würde, ins Kernland Israel umziehen ( was übrigens die amerikanisch – jüdische Friedensgruppe “Bring the Settlers home “ – gemeint ist nach Israel – schon länger fordert). Und die anderen? Würden sie in der Diskussion mit den Jahalin und wenn sie von deren Schicksal aus erster Hand erführen, weiterhin an ihrer Überzeugung festhalten, dass „die Beduinen entschädigt wurden“ bzw. „ihnen irgendwo anders neue Häuser zur Verfügung gestellt worden sind“, wie Marylene Schultz in ihrem Buch „Die Waisenkinder von Bethanien“ auf S.146 schreibt? Oder werden sie in der Beschäftigung mit den Menschenrechten und dem Völkerrecht zu der Einsicht gelangen, dass den Jahalin bitteres Unrecht geschah? Es gibt auch das Projekt, von Ma’ale Adumim aus in Jerusalem interreligiöse Gespräche zu führen, eine interessante Unternehmung. Vor ein paar Tagen war nämlich im Internet im Zusammenhang mit Berichten über eine Hilfsaktion von Israelis und Internationalen zugunsten von Palästinensern, denen sie in ihren Dörfern in der Nähe von Tapuach bei der Olivenernte halfen ( The Other Israel“ ), der Bericht einer Siedlerin zu lesen: “...I live in Ma’ale Adumim , east of Jerusalem. When I came on Aliya from Australia eight years ago, my father was already living there, and it seemed like just another Jerusalem suburb. Perhaps a bit more Likud-oriented than average, but nothing like this horrific Tapuach place. I am now involved in an interfaith group in Jerusalem, bringing together Jews, Muslims and Christians, and I try to get our community centre at Ma’ale Adumim to host Palestinians. That’s a difficult idea to get across where I live.” Ich könnte mir vorstellen, dass sich aus einem solchen Gespräch, in dem das Völkerrecht und die Menschenrechte diskutiert werden, neue Perspektiven ergeben könnten, wobei auch ein Unrechtsbewusstsein bei manchen Siedlern entstehen könnte. Wenn dann sogar Flüchtlinge wie die Jahalin oder gar aus dem Libanon, wo es ihnen am übelsten ergeht, daran teilnehmen könnten, wäre schon viel gewonnen. Vielleicht könnte dann eine gemischte Gemeinschaft entstehen, die sich aus den Bedürftigsten der Siedler, aber vor allem aus palästinensischen Flüchtlingen zusammensetzen könnte. Doch das sind Visionen, für deren Verwirklichung augenblicklich so gut wie gar nichts spricht.

Aber eine Variation dazu könnte ich mir vorstellen: Wenn das Jahalin-Dorf einmal wirklich steht, könnte man vielleicht ein Gemeinschaftszentrum bauen, in dem interreligiöse Gespräche bzw. Veranstaltungen stattfinden könnten, ein wenig nach dem Vorbild des „Politischen Nachtgebets“ in Köln, ohne dass man dabei fremde Elemente hierhin importieren würde. Man könnte nämlich auch auf palästinensische und jüdische Befreiungstheologie zurückgreifen. Eventuell könnte sogar das neugegründete Frauenkomitee, dem ja Vertreterinnen der drei abrahamitischen Religionen angehören, eine Keimzelle dafür bilden. So könnte dann auf diesem verseuchten Boden, der den Jahalin noch nicht einmal gehört, ein kleines Friedenszentrum entstehen.

Das Team

Text?Anna Crummenerl

Unsere "Frau vor Ort", die zur Zeit in Jerusalem lebt und als ausgebildete Friedensfachkraft mit den Jahalin arbeitet.



Text?Kathrin Vogler

Kathrin Vogler ist seit den 80ern in der Friedensbewegung aktiv. Sie lebt in Emsdetten und ist hauptamtliche Mitarbeiterin des "Bund für soziale Verteidigung". Dort ist sie u.a. für das Jahalin-Projekt zuständig.



Text?Dr. Annelise Butterweck

Dr. Annelise Butterweck ist Mitglied der Kölner "Frauen in Schwarz" und Gründerin des Jahalin-Frauenprojekts, das den Frauen im eigens angeschafften Caravan ermöglicht, Lesen und Schreiben zu erlernen.



Text?Nitza Aminov

Nitza Aminov, politische Aktivistin gegen die Besatzung seit 1967. Arbeitet mit den Jahalin seit Juli 2004. Befürwortet eine Lösung des Israelisch-Palästinensischen Konflikts durch die Errichtung eines säkularen demokratischen Staates auf dem gesamten Gebiet zwischen dem Jordan und dem Mittelmeer.







Text?Hendrik Dürr

Mein Name ist Hendrik Dürr, ich bin 20 Jahre alt und komme aus Köln. In diesem Sommer machte ich mein Abitur in der Waldorfschule Köln und werde ab November 2006 anstelle meines Militärdienstes den Anderen Dienst im Ausland im Jahalin- Projekt machen.
Meine Aufgabe besteht zum einen darin, im Study-Center Internet-, Computer- und Englischkurse für die Jungen der Jahalin- Beduinen anzubieten. Außerdem möchte ich in den nächsten 11 Monaten verschiedene Sportprojekte auf dem neuen Fußballplatz bei den Jahalin durchführen, gleichzeitig aber auch versuchen, diesen Platz für andere Projekte und Workshops zu nutzen.
Die Möglichkeit dieser 11 Monate, Kontakte in der Beduinen Gesellschaft, der palästinensischen und auch der israelischen Gesellschaft zu knüpfen, begeistert mich, Ich hoffe gleichzeitig auch, erfolgreich an die Arbeit von Jonas anschließen zu können.



Ehemalige:

Text?Jonas Calabrese

Jonas Calabrese aus Köln arbeitete von Anfang Oktober 2005 bis September 2006 als Zivildienstleistender im Jahalin-Projekt.



Text?Anita Mutvar

Anita Mutvar war als angehende Ethnologin von Januar 2005 bis Juni 2006 für die wissenschaftliche Begleitung des Projekts zuständig.



Text?Kai Claaßen

Kai Claaßen, Jahrgang 1967,war als Politikwissenschaftler M.A. Ansprechpartner für interessierte Studierende und neben der wissenschaftlichen Projektbegleitung für die Betreuung dieser Homepage zuständig.