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31. 5. 2007

Wenn die Bulldozer kommen

Marylene, seit mehr als zehn Jahren eine treue Freundin der Jahalin-
Beduinen, und eine langjährige unterstützende Mitarbeiterin seit Beginn unserer Projektarbeit, hat eine Tagebucheintragung im Februar dieses Jahres in ihrem letzten Rundbrief veröffentlicht.

Auch wenn diese Eintragung nun schon einige Monate „alt“ ist, so bleibt sie in diesen Zeiten in Israel/Palästina „brandaktuell“. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht die Bulldozer kommen, Häuser und Gärten nieder reißen, Felder und deren Kulturen zerstören.

Es ist diese tägliche Gewalt, die das Leben der Menschen hier begleitet, sie kommt so „unspektakulär“ und „beiläufig“ daher, nistet sich im Alltag ein …schafft Fakten!

Was die Planierraupen anrichten in der äußeren Welt, davon geben sie täglich Zeugnisse. Was sie in den Köpfen, Herzen und Seelen aller Beteiligten hinterlassen, wer vermag das zu sagen?

Marylene gibt uns Eindrücke von einem Morgen im Februar nach der Zerstörung eines Beduinen-Heimes.

Anna Crummenerl
Fotos: Hendrik Dürr

Die Wetterprognose für heute, den 26.2. hatte einen kühlen Tag angesagt, mit starken Wolkenbrüchen, zeitweiligen Aufheiterungen, Wind und Sturm. Ein Wetter um zu Hause zu bleiben, mindestens für solche wie ich, die nicht dringend hinaus müssen. Und man freut sich hier übers Wetter, weil Regen hier Segen bedeutet.

Das faszinierende Schauspiel der vorbeiziehenden schwarzen Wolken, der tanzenden vom Wind geschüttelten Äste, das klare Blau des Himmels, für kurze Zeit sichtbar, das alles kann ich vom Fenster aus geniessen.
Um 8.30 Uhr ein Telefonanruf. Es wird mir mitgeteilt, dass die Armee daran ist, eine Hütte von Beduinen unterhalb der Siedlung Male-Adumim zu zerstören. "Kannst du kommen und vorher noch Andere benachrichtigen?"
Dank der handys höre ich, dass etliche Freiwillige schon unterwegs sind zum Ort des Geschehens. Trotz vieler Resolutionen und Abkommen, denen zufolge Israel den Siedlungsbau in den besetzten Gebieten stoppen sollte, ist die Erweiterung von Male-Adumim höchstwahrscheinlich der Grund, warum diese Blechhütte abgerissen wird. Nach der Durchquerung eines tief eingeschnittenen Tales mit steilen felsigen Hängen erreiche ich 9.30 Uhr mein Ziel. Die Soldaten haben den Tatort schon verlassen, ein unbeschreibliches Chaos hinterlassend. Verbogenes Blech, zerbrochene Balken, zerfetzte Zeltplanen, umgestürzte Behälter, Küchengeräte, Säcke mit Kleidern, ein Gasherd, Schuhe, ein Blumenkohl, eine Schachtel mit Haarspangen und Nähzeug, Schultaschen, Werkzeug und vieles mehr. Alles auf dem aufgeweichten Boden zerstreut oder wahllos übereinander geschichtet.

Eine Polin, Freiwillige bei den "Rabinern für Menschenrechte" spielt mit den Kindern. Das ist wohl das sinnvollste, was in dieser Situation zu tun ist.
Ein paar Beduinenmänner aus der Nachbarschaft versuchen einen grösseren Felsbrocken zu verschieben, damit ein Zelt, das vom Roten Kreuz gebracht werden soll, aufgestellt werden kann. Wir stehen hilflos herum. Was, wie aufräumen?

Als herannahende schwarze Wolken die ersten Tropfen fallen lassen, fangen wir an das, was nicht nass werden sollte, aufzulesen. Aber wohin damit? Ein umgestürzter Schrank, dessen Türe abgebrochen ist, wird vollgestopft. Auch ein Lieferwagen, der unterdessen ankam, wird gefüllt. Die Mutter, noch eindeutig unter Schock des Geschehenen bringt ihr kleinstes Kind, etwa 1 ½ jährig, in ein Nachbarszelt.

Und dann giesst es wirklich wie aus Kübeln. Für uns ein Grund, den Ort zu verlassen. Wem und wie könnten wir nützlich sein? Aber es ist vor allem eine Flucht vom Ort der Verwüstung. Wir können den Ort verlassen, aber die Bilder, die sich uns eingeprägt haben, werden von keinem Regen weggewaschen werden. Sie werden wohl auch in den Köpfen der Kinder festgehalten, die heute Nacht in fremder Umgebung schlafen müssen. Diese Bilder: werden sie nicht noch oft durch die Köpfe der Soldaten spoken, die diese Verwüstung angerichtet haben? Können sie, so sie darüber nachdenken, ihr Gewissen damit beruhigen, dass sie Befehlen von oben zu gehorchen haben? Würden Kindertränen, die nachts im fremden Ort vergossen werden, bis in diese Befehlszentralen geraten, ein Umdenken derer veranlassen, die Entscheidungen fällen?

Als ich, Ende Februar diesen Bericht in französisch geschrieben hatte und etlichen Bekannten und Freunden zukommen liess, kam von jemanden prompt die Antwort, die ungefähr so lautete: "Das gibt es doch immer wieder einmal in jedem Land, dass Behörden ungerecht und brutal vorgehen. Zwar ist dies bedauerlich, doch sollte ich diesen einzelnen Fall nicht so aufbauschen."
Da wurde mir bewusst, wie leicht man Fehlinformationen geben kann, deswegen ich noch ein paar Sätze beifüge.

Dies ist vielleicht ein einzelner Fall in der Art der Durchführung, aber solche und ähnliche Fälle gibt es fast täglich irgendwo im Land. Von vielen als unbedeutend eingestuft, sind sie es vor allem nicht für die Betroffenen. Häuserzerstörungen, Bodenenteignungen, ausgerissene oder abgesägte Bäume, Festnahmen, Übergriffe von Siedlern, Verweigerung von dringend benötigten Genehmigungen, viele "unbedeutende" Schikanen, die das Leben zur Hölle machen. Solche Sachen werden in den Nachrichten schon gar nicht erwähnt. An jenem besagten Morgen war auch nur ein Journalist einer lokalen Zeitung da. Wer interessiert sich schon für so banale Vorkomnisse.

Indem ich dies schreibe, wird mir bewusst wie ich verallgemeinere und denen gegenüber ungerecht werde, die sich gegen Apartheitspolitik und Ungerechtigkeiten einsetzen. Damit meine ich die vielen israelischen, palästinensischen und ausländischen Friedensgruppen, zu viele um sie einzeln zu erwähnen. Zum Teil kämpfen sie leidenschaftlich gegen den Bau der Mauer. Dabei sind sie selber wie eine unsichtbare Mauer, die Barbarei und Rassismus in Schranken zu halten versucht.

Marylene

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