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03. Juli 2006

Nach der Schule wollte ich Pilot werden...

Es ist heiß heute. Sehr heiß; wie eigentlich jeden Sommertag in Jerusalem. Der voll besetzte arabische Bus quält sich durch den Nachmittagsverkehr in Ostjerusalem, bevor er im Tunnel unter dem Ölberg verschwindet. Hinter dem Tunnel windet sich der Highway zwischen Azaryah und Issawyia, zwei arabischen Dörfern, hindurch, in der Ferne erstreckt sich die judäische Wüste. Noch davor sind die Häuser von Maale Adummim zu sehen, der größten israelischen Siedlung im Westjordanland. An Maale Adummim geht es vorbei und von hinten wieder nach Azaryah hinein. Auf dem ganzen Weg zwischen Ölberg und Azaryah ist der Mauerbau parallel zur Straße zu beobachten.

In Azaryah erscheint die Hitze noch drückender. Der Weg zu dem Hügel, auf dem die Jahalin leben, ist staubig, in der Luft liegt ein Geruch von verbranntem Müll. Auf dem Hügel angekommen, finde ich Schutz vor der knallenden Sonne in einer aus Brettern und Wellblech zusammen gezimmerten Hütte. Drinnen erwarten mich drei junge Männer – Cousins – und Saleh, unser Übersetzer. Sie haben es sich auf den zerschlissenen Sofas und Matratzen bequem gemacht, im Fernseher laufen die Wiederholungen von den WM-Spielen am Vortag. Ich werde begrüßt, Neuigkeiten werden ausgetauscht, Fachsimpeleien zur Weltmeisterschaft angestellt. Ich stelle mich noch einmal vor, erzähle den Jungen, dass ich hier meinen Anderen Dienst im Ausland anstelle des Militärdienstes in Deutschland verrichte. Außerdem erkläre ich ihnen noch einmal mein heutiges Anliegen; dass ich gerne etwas über ihre persönliche Situation erfahren würde, ob sie eine Arbeit haben, vielleicht in Maale Adummim, der benachbarten israelischen Siedlung. Dort arbeiten viele der jungen Männer aus Azaryah und von den Jahalin. Von den Schwierigkeiten, dort einen Job zu bekommen und den Arbeitsumständen selber habe ich gehört. Wichtig ist mir aber, es von ihnen persönlich zu hören und es an dieser Stelle zu veröffentlichen, damit auch die Menschen in Deutschland davon erfahren können. Schließlich wird der Fernseher stumm geschaltet, erwartungsvolle Blicke richten sich auf das Mikrophon, das ich auf dem Hocker in der Mitte platziert habe. Wir können anfangen.

Wie heißt ihr, was und wo arbeitet ihr?

Farraj: Mein Name ist Farraj Abu Galia, Jahalin und ich bin arbeitslos.
Yiachia: Ich bin Yiachia Suleiman Abu Galia, Jahalin. Gerade habe ich die Schule beendet.
Mahmoud: Mein Name ist Mahmoud Abu Galia, Jahalin. Ich habe einen Job als Treppenputzer in Maale Adummim

Farraj, warst du schon immer arbeitslos nach der Schule?

Farraj: Ich darf nicht in Maale Adummim arbeiten, es ist verboten. Die entscheiden das, das Militär. Sie können einen mögen und ihm eine Genehmigung erteilen, oder sie können dir ohne Grund die Genehmigung verweigern. Aus Sicherheitsgründen.

Wie läuft das genau ab? Man braucht eine Genehmigung? Wo bekommt man die?

Farraj: Genehmigung? Ich habe eine! Trotzdem darf ich nicht dort arbeiten. Einfach so.
Mahmoud: Mir kann das selbe auch bald passieren. Ich weiß nicht, wie lange ich dort noch arbeiten kann. Vielleicht sagen sie auch mir bald ohne Grund, dass ich nicht mehr kommen darf.
Farraj: Man muss bei der israelischen Militäradministration eine Magnetcard beantragen, für die man strenge Auflagen erfüllen muss. Sie nehmen Fingerabdrücke von allen deinen Fingern. Wenn du Glück hast, bekommst du einen Monat später deine Arbeitserlaubnis. Aber selbst mit der kannst du nicht immer arbeiten. Ich habe alle Papiere und darf trotzdem nicht.
Mahmoud: Letztendlich entscheiden die Soldaten am Eingang zu Maale Adummim, wer rein darf und wer nicht.

Ist es wahr, dass jeder erwachsene Einwohner Maale Adummims berechtigt ist, jemanden wie Mahmoud nach seiner Genehmigung zu fragen?

Mahmoud: Das stimmt. Sie würden mich auch nie beschäftigen, wenn ich keine Permit vorweisen könnte. Keiner der Hausmeister würde nur mit mir reden, solange ich meine Genehmigung nicht vorgezeigt habe.

Seit wann arbeitest Du in Maale Adummim?

Mahmoud: Seit drei Jahren.

Was genau ist Deine Arbeit dort?

Mahmoud: Ich putze die Treppen in Mehrfamilienhäusern.

Wie oft in der Woche gehst Du dort zur Arbeit?

Mahmoud: Jeden Tag von vier Uhr morgens bis 11 Uhr vormittags.

Wie viel verdienst Du damit?

Mahmoud: Es ist eine Fleißarbeit. Ich kann sechs bis sieben Treppenhäuser pro Tag putzen. Für jedes Treppenhaus bekomme ich ungefähr 200 NIS (ca. 36,- €) im Monat. Ich muss sie aber mindestens 2 mal die Woche putzen, also acht mal im Monat.

Arbeitest Du dort alleine, oder mit Kollegen zusammen?

Mahmoud: Alleine. Ich gehe zu den Häusern, wo ich putzen soll und fange an. In jedem Haus gibt es einen Hausmeister, mit dem ich vereinbare, wann ich zum Putzen kommen soll.

Wie begegnen Dir die Menschen aus Maale Adummim? Wie siehst Du sie?

Mahmoud: Sie sind unterschiedlich. Manche sind höflich zu mir, andere nicht.

Hast Du unschöne Vorfälle erlebt Dir gegenüber?

Mahmoud: Nur von Seiten des Militärs und der Polizei; und dem Geheimdienst.
Farraj: Sie kontrollieren uns. Ob man eine Genehmigung hat oder nicht, sie checken einen. Man wird eben verdächtigt…alles was du willst, ist verdächtig. Du wirst durchsucht.

Wie seht ihr selber die Menschen von Maale Adummim?

Mahmoud: Sie respektieren uns, so lange sie uns brauchen. So lange, wie sie einen Nutzen von dir haben.
Yiachia: Die Situation erpresst uns, dort zu arbeiten. Wenn wir andere Chancen hätten, dann würden wir gar nicht dort hin gehen.

Gibt es denn nichts hier in Azaryah für euch zu finden?

Farraj: Leider nein. Es gibt einfach keine Arbeit hier.

Habt ihr alle drei die Schule vollendet?

Farraj: Ich bin nach der 9.Klasse abgegangen.
Mahmoud: Ich habe mein Abitur gemacht.
Yiachia: Ich habe die Schule vollendet, aber das Abitur nicht bestanden.

Hattet ihr einen Traum früher, was ihr später werden wollt? Einen Kindheitstraum vielleicht?

Farraj: Ich wollte einmal Pilot werden.
Mahmoud: Mein Traum war Fußballer zu werden.
Yiachia: Ich wollte Schäfer werden. Mit einer großen Herde durch die Gegend ziehen.

Ihr seid alle drei von den Jahalin-Beduinen. Habt ihr noch das Leben in Erinnerung, bevor ihr auf diesen Hügel gekommen seid?

Alle drei: Natürlich.

Wo habt ihr damals gelebt?

Mahmoud: Dort, wo heute Maale Adummim ist.

Spielt das für Dich, Mahmoud, eine Rolle, dass Du dort heute arbeitest?

Mahmoud: Jeden Tag, wenn ich dort vorbeigehe, wo wir früher gelebt haben, erinnere ich mich an meine Kindheit.

Was ist jetzt an dieser Stelle?

Mahmoud: Die Stelle, wo wir lebten, ist jetzt eine Straße und eine Universität daneben.

Wie lange habt ihr dort gelebt?

Mahmoud: Bis 1997.

Könnt ihr euch erinnern, wie ihr das Gebiet dort verlassen musstet? Wie ist das vor sich gegangen?

Farraj: Sie haben zuerst die Kinder geschlagen, um den Eltern Angst zu machen. Damit wir freiwillig gehen.
Yiachia: Ich wurde selber getreten. Von den Soldaten, die kamen, um uns zu vertreiben.
Mahmoud: Wenn Presse dabei war, haben sie sich höflich verhalten. Aber sobald die Kameras weg waren, wurde wieder geschlagen.
Farraj: Für jede Familie kamen sie einmal. Eine Familie nach der anderen wurde so vertrieben.

Habt ihr Kontakt in irgendeiner Form mit Jugendlichen von Maale Adummim?

Mahmoud: Nein. Sie wollen keine arabischen Freunde. So sind sie. Wenn sie etwas von jemandem brauchen, dann befreunden sie sich, aber danach vergessen sie die Freundschaft ganz schnell wieder.

Was passiert, wenn die Mauer auch von der anderen Seite fertig ist?

Farraj: Was wird schon passieren? Wir verlassen uns auf Gott.
Mahmoud: Was können wir schon machen?

Aber nach Maale Adummim wirst Du dann nicht mehr können, oder?

Mahmoud: Es ist ja nicht nur Maale Adummim. Das Problem wird viel größer sein, weil wir gar nirgendwo mehr hingehen können werden. Wir werden in einem Gefängnis leben.
Farraj: Nur wem die Israelis es erlauben werden, der wird aus diesem Gefängnis rausgehen können.

Wann wart ihr zum letzten Mal in Jerusalem?

Farraj: Gestern. Auch wenn ich keine Permit für Jerusalem habe. Ich bin nicht über den Checkpoint gefahren, sondern über einen Umweg dorthin gekommen.
Mahmoud: Wenn ich in Jerusalem ohne Permit erwischt werde, nehmen sie wieder meine Fingerabdrücke. Dann werde ich später keine Arbeitserlaubnis mehr bekommen. Es ist sehr riskant. Vor drei Tagen wurden zwei junge Männer von einem benachbarten Beduinenstamm hier in der Nähe erschossen, als sie versucht haben, auf einem Schleichweg nach Jerusalem zu kommen. Die Soldaten haben sie vom Wachtturm aus gesehen und erschossen.

Was passiert euch genau, wenn ihr in Jerusalem ohne Permit erwischt werdet?

Farraj: Man muss eine Strafe bezahlen, 2500 NIS (ca. 450,- €). Das muss sofort bezahlt werden. Außerdem bekommt man ein Verfahren, für das ein Anwalt bezahlt werden muss.
Mahmoud: Und von da an darfst du nicht mehr nach Israel, also auch nicht Jerusalem. Du bekommst keine Permits mehr.

Was ist das für ein Gefühl, mit diesem Risiko nach Jerusalem zu kommen, wenn ihr vielleicht mal dahin müsst?

Mahmoud: Ich wundere mich, was hier passiert. Mein Bruder lebt in Jerusalem, aber ich darf nicht hin. Und selbst wenn man mal eine Erlaubnis für einen Tag bekommt, z.B. um ins Krankenhaus zu fahren, passiert es vielleicht, dass man die angegebenen Stunden auf der Erlaubnis überschreitet. Wenn sie dich erwischen, schläfst du im Gefängnis, nicht im Krankenhaus. Und nächstes Mal bekommst Du keine Permit mehr, ob Du ins Krankenhaus musst oder nicht. Es ist ein komisches Gefühl unter solchen Bedingungen zu leben.

Was sind eure Wünsche oder Vorstellungen für die Zukunft?

Yiachia: Ich hoffe auf Frieden.
Farraj: Welchen Frieden? Es gibt keine Hoffnung auf Frieden. Die Atmosphäre hier zeigt keinen Frieden.

----kurze Pause---

Farraj: Gibt es eigentlich deutsche Soldaten im Irak?

Nein, aber in Afghanistan.

Farraj: Was haben die dort verloren?

Das frage ich mich auch. Vielleicht können wir in einem weiteren Gespräch ausführlicher darüber sprechen, dazu würde ich gerne mehr Zeit mit Euch haben. Lasst uns dafür noch mal zusammen setzen. Letzte Frage: wer gewinnt die Weltmeisterschaft?

Farraj: Brasilien oder Argentinien.
Mahmoud: Frankreich.
Yiachia: Brasilien.
Mahmoud: Nein, nach dem Spiel von gestern bin ich sicher, dass Frankreich Brasilien rausschmeißen wird. Wir werden sehen…

Fotos, Text und Interview: Jonas Calabrese

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