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07. Juni 2006

Vereint durch den Feind?

Die gesellschaftlichen Verhältnisse in Israel und Palästina sind wenig durchschaubar, ein homogenes Volk mit einer gefestigten Identität lässt sich weder hier noch da ausmachen. Lediglich bei der Wurzel allen Übels scheint Eimütigkeit zu herrschen: ist hier die „Araberplage“ nicht von der Hand zu weisen, werden dort in der Westbank Ausländer als potentielle Juden hämisch mit „Shalom“ gegrüßt. Die Jugend hat es schwer, sich vom Konflikt zu emanzipieren.

Der Liberty Bell Garden in Westjerusalem ist ein gepflegter Park, in dem sich die Teenager der angrenzenden Highschool bei schönem Wetter gerne länger aufhalten. Sie sind in Israel geboren oder bereits in jungen Jahren mit ihren Elten nach Israel emmigriert. Heimisch fühlen sie sich. Aus ihrem ursprünglichen Herkunftsland machen sie trotzdem keinen Hehl. Sie stammen aus Europa oder den USA. Neben Hebräisch beherrschen sie zumeist auch noch die alte Sprache. Genüsslich wird bei einer Zigarette getratscht wie überall auf der Welt. Über Politik wird allerdings nie geredet – wieso auch. Politik weckt Misstrauen. Politik macht angreifbar. In erster Linie sind sie ohnehin Israelis und eher nachrangig jüdisch. Es scheint, als ob sie ihren jüdischen Status als Bürde empfinden. Schließlich sind sie überhaupt nicht religös. Das scheint ihnen wichtig. Religion ist schlecht. Religion birgt Gefahr. Sie wirken versucht, sich vorsorglich gegen jegliche Art von Kritik oder gar Anfeindung zu verwehren. Sicher ist sicher, keine Diskussionen. Der Begriff „Westbank“ ist ihnen nicht geläufig. Sie kennen nur Galiläa. Auf Araber und Palästinenser sind sie nicht so gut zu sprechen. „Es gibt genügend arabische Länder, warum können sie nicht dort leben?“, fragt eine 16-jährige mit erstaunlicher Gelassenheit. Widersprochen hat ihr offenbar nie jemand. Die zahlreichen arabischen Israelis, die im Park mit Vorliebe Fußball spielen, werden beinahe demonstrativ ignoriert. Obwohl sie die gleiche Staatsbürgerschaft besitzen, gehören sie nicht zu ihnen. Sie bleiben die „Arabs“ - geäußert mit einem Tonfall, der diese auf die Stufe einer Landplage herabsetzt. Ganz beiläufig wird noch kurz hinzugefügt, dass „die stehlen“. Mehr gibt es über sie offenbar nicht zu sagen. Die Wehrpflicht halten sie für ein absolut notwendiges Übel. Die Umstände erforfdern das nun mal. Schwarzweiß-Malerei, das haben viele früh gelernt - ohne sich dessen je wirklich bewusst zu werden - festigt die moralische Integrität und macht unantastbar. Nicht selten trübt sich ihr so skizziertes Weltbild nach dem Militäreinsatz im Besatzungsgebiet in ein konturloses Grau, was ihrem natürlichenVerlangen nach Lebensfreude im besten Fall aber keinen Abruch tut.

Sehr aufschlussreich war für mich die Begegnung mit einem orthodoxen, traditionell gekleideten Juden im Bus nach Tel Aviv. Als Entsandter seiner jüdischen Gemeinde in der Schweiz lebt er seit 10 Jahren in Israel, hat dort geheiratet und hält nun die 3-wöchige Tochter im Arm, um ihr in Tel Aviv, zusätzlich zur israelischen, die Schweizer Staatsbürgerschaft eintragen zu lassen. Er selbst lebt lediglich mit einem unbefristeten Studentenvisum in Israel. Er sagt, es sei seine Pflicht, einen Teil seines Lebens im heiligen Land zu verbringen. Die strapaziöse Fahrt nimmt er offensichtlich nur auf sich, um mit seiner Familie - oder zumindest der Tochter - früher oder später wieder in der Schweiz zu leben. Auf Nachfrage vermisst er die Schweiz schon etwas. Sein unverfälschter Schweizer Dialekt ist verblüffend und überzeugend zugleich. Er wirkt sehr sympatisch. Die hohen Temperatuern im Bus machen ihm unter seinem schwarzen Hut etwas zu schaffen. Das Kleinkind schreit. Er wirkt gehetzt. In Tel Aviv angekommen entschwindet er mit einem Taxi dem Menschengetümmel. Die mediterane Metropole Tel Aviv macht den Konflikt leicht vergessen. Ein gängiges Sprichwort lautet nicht umsont „in Haifa arbeitet man, in Jerusalem betet man und in Tel Aviv lebt man“. Und in der Tat: Tel Aviv erscheint weltoffen, völlig entspannt und wie vom Konflikt befreit. Es scheinen Welten zu liegen zwischen hier und dem religös aufgeladenen Jerusalem, vom Pulverfass Hebron ganz zu schweigen. Zurück in der Westbank,hinter der Mauer vor den Toren Jerusalems, lässt es sich, aller sich abzeichnenden Kontraste zum Trotz, auch leben. Das Wesentliche funktioniert, mögen die Verhälnisse auch noch so desaströs und chaotisch wirken. Fußball bringt hier mindestens genauso viel Spaß wie irgendwo sonst; dazu bedarf es keiner gepflegten Plätze, wenngleich der Bau eines befestigten Fußballplatzes auf dem Hügel im Rahmen des BSV-Projekts natürlich derlei Erwartungen schürt. Im Vergleich zu den kritisch beäugten israelischen Arabern im Liberty Bell Garden machen die hiesigen Beduinen und Palästinenser, die keinen extremen Sozialneid verspüren, sogar einen etwas gelösteren, ja glücklicheren Eindruck. Die Situation für die Jugendlichen hier, denen es an nichts mehr als an gewissen Pespektiven mangelt, bleibt dennoch sehr ernüchternd. Viele verlassen deshalb frühzeitig die Schule und verdingen sich als Tagelöhner, zum Teil als Poolreiniger oder Straßenkehrer in der nahen Maale Adumim-Festung - einer gigantischen israelischen Siedlung, der viele der Jahalin-Beduinen einst weichen mussten. Den Beduinen ist dennoch keine Frustration anzumerken. Die verbreiteten Vorbehalte gegenüber Juden haben die Kids allerdings schon so verinnerlicht, dass die (Kontroll-)Frage „Are you Jew?“ schon beinah zur obligatorischen Begrüßungsfloskel wird, obwohl die Israelin Nizza, die das Projekt tatkräftig unterstützt, hebräisch unterrichtet und durchaus gern gesehen wird, der einzige Mensch ist, der mit „ja“ antworten würde. Verneint man die Eingangsfrage, ist die zweite Frage: „Are you Christian“? Verneint man diese ebenfalls, sind sie erstaunt, dass da dennoch ein wahrhaftiger Mensch vor ihnen steht. Als Nicht-Muslim, oder gänzlich Ungläubiger hat man es vermutlich nicht immer leicht, für voll genommen zu werden. Das Interesse an einem Ausländer ist letzlich aber weitaus größer als das Misstrauen.Die Beduinen erwiesen sich als gastfreundlich und ich fühlte mich absolut wohlwollend toleriert. Der Umgang mit den überschwenglichen bis hyperaktiven Beduinenkinder kann aber sehr anstrengend werden, insbesondere dann, wenn man über unzureichende Arabischkenntnisse verfügt. Dennoch sind auch die freundlichen Beduinen als Bewohner der Westbank für religiöse Propaganda empfänglicher als viele Isralis, die womöglich mehr auf den Erhalt ihres wirtschaftlichtlich Wohlstands bedacht sind, als auf die die Ausübung ihrer Religion.

Festzuhalten bleibt, dass innerhalb beider Konfliktparteien vor allem bei
Jugendlichen ein gewisses Identitätsvakuum besteht, das durch Religion und unter Beschwörung der auf ewig unauslöschlichen Feindbilder aufzufüllen ersucht wird. Für israelische und palästinensische Jugendliche ist es gleichermaßen schwierig eigene Normen und Werte zu entwickeln und zu etablieren. Die Chance, dass eine Jugend, die auf beiden Seiten sehr wohl sehr ähnliche Interessen hegt und auch vertritt, ein Band schmiedet, welches den zerreißenden Mechanismen des Konflikts standhält, wird leichtfertig vertan. Hinter dem zerstörerischen, Furcht einflößenden israelischen Militär verbirgt sich letzlich bloß eine fragile Gesellschaft, die unter der Last nie enden wollender existenzieller Anfeindungen auseinander zu brechen droht. Diese Risse innerhalb der Gesellschaft gefährden längst die Glaubwürdigkeit einer auf purer Substanz beruhenden Militärpolitik. Gleichzeitig muss allen jungen Muslimen klar sein, dass die Vorstellung, mit Hilfe einer gewaltsam herbegeführten islamischen Revolution ein besseres und gerechteresLeben zu führen, auf reiner Utopie beruht.

Johannes Heckmann

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