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14. Dezember 2006

Hendrik Dürrs erster Bericht aus Jerusalem

Liebe Freunde und Verwandte, liebe Interessierte,

nach einem Monat nunmehr mein erster Bericht aus Jerusalem. Hinter mir liegt eine sehr erlebnisreiche und eindruckvolle Zeit. Zahlreiche Bilder, Begegnungen und Eindrücke drängen sich mir auf, wenn ich zurückschaue.
Nach meiner Landung war ich erstmal erstaunt und vielleicht auch ein wenig enttäuscht darüber, dass Jerusalem auf den ersten Blick doch einen sehr westlichen Eindruck auf mich machte. Die Straßen mit den Geschäften und den vielen Menschen schienen mir irgendwo doch bekannt zu sein.
Erst nach und nach wird mir nun bewusst, dass ich mich doch in einer völlig fremden Welt befinde, die von anderen Kulturen geprägt ist. Das Bild der durch die Straßen eilenden, Gebete murmelnden orthodoxen Juden mit ihrem schwarzen Hut und dem schwarzen Anzug, die großen Unterschiede zwischen dem jüdisch geprägten Westjerusalem, den Männern mit den Kippas, den vielen kleinen Synagogen mitten in den Geschäftsstraßen; und dem islamisch geprägten Ostjerusalem, dem Gesang des Muezzin, dem Gang durch einen arabischen Markt mit all den Früchten, den orientalischen Stoffen und den Oliven in großen Holzfässern; all dass hilft die Unterschiede zu erkennen. Die meisten Einblicke in eine fremde Kultur erfahre ich durch die Arbeit in der Jahalin- Beduinen Gemeinde, außerhalb von Azaryah in der Westbank. An meinem ersten Tag habe ich auf dem Hügel der Beduinen, dem „Jabel“ (arab. Hügel), einen sehr herzlichen und schönen Empfang erlebt. Nach der Verabschiedung von Jonas durch Suleimann Mazarah, dem Vorsitzendem des Jahalin- Komitees, wurde ich bei köstlichem arabischem Gebäck und süßem Tee vorgestellt als der Nachfolger. So wie Jonas auf dem Hügel zu Jonis wurde, so sollt auch ich nach einer kurzen Diskussion zu Hääni umbenannt werden. Das ist nun die arabische Übersetzung meines Namens. Dass ich das Glück habe, von den Früchten Jonas Arbeit profitieren zu können, wurde mir bewusst, als mich anschließend vier Jungs darum baten, einmal in der Woche Englischkurs zu machen. Jonas hat mir später erzählt, dass er erst mehrere Monate nach Beginn seiner Zeit mit einem Jungen vom Hügel begonnen hatte, Englisch- Nachhilfe zu geben. Glücklich also, sein Nachfolger zu sein, habe ich nun schon seit drei Wochen Englisch mit den Jungs. Aus einer Stunde in der Woche wurden inzwischen nun schon vier Stunden, weil die Englischkenntnisse doch sehr unterschiedlich sind und noch zwei Jungs dazu kamen. Unseren ersten Test über die“ Zeiten im Englischen“ haben wir auch schon hinter uns, allerdings nicht mit den besten Ergebnissen. Ich muss mich halt einfach noch besser vorbereiten …

Außerdem habe ich meine Arbeit in der Anwuar- Schule in Azaryah aufgenommen. In dieser Schule, die von einem Beduinen gegründet wurde, werden Kinder der Jahalin- Beduinen gemeinsam mit palästinensischen Kindern aus Azaryah unterrichtet. Meine Aufgabe besteht darin, einmal in der Woche Englischunterricht zu geben und zweimal in der Woche Sport. Auch wenn bisher noch nicht jede Unterrichtstunde erfolgreich gelaufen ist, so macht die Arbeit mit den Kindern großen Spaß, besonders wenn man merkt, dass sie ein bis zwei Worte aus meinem Unterricht doch noch nicht vergessen haben.
Manches Mal habe ich nun auch schon in der „Oase“ rund um den Caravan gearbeitet und mit den Jungs auf dem vom Projekt initiierten fantastischen Fußballplatz dem Ball hinterher gelaufen. Durch das Fußballspielen und besonders auch durch die Englischstunden hat sich meinem Empfinden nach bereits so etwas wie ein freundschaftliches Verhältnis zu einigen älteren Jungs des Hügels gebildet. Vielleicht ist das auch ein falscher Eindruck, weil ich aufgrund meiner geringen Arabischkenntnis nur wenig von dem verstehen, was sie sagen, und doch ist es oft einfach schön, mit ihnen zusammenzustehen und über die Bundesliga zu diskutieren, den Worldcup zu analysieren, über die Meinung zu der italienischen Nationalmannschaft zu streiten und dabei über die unterschiedlichen Ansichten zu lachen. Dann habe ich oft das Gefühl, dass uns doch, obwohl wir aus völlig unterschiedlichen Welten kommen, etwas verbindet, auch wenn es nur das Interesse am Fußball ist.
Gerade diese Kontakte zu älteren Jungs lassen mich meistens über den oft anstrengenden Umgang mit den jungen Kindern des Hügels hinwegsehen, die - so scheint es mir - meine arabischen Sprachversuche „lustig“ finden, auch gerne Steinchen werfen. Da freu ich mich dann besonders, wenn ein Spiel zustande komm, bei dem viel gerannt wird. Neben all diesen neuen Aufgaben und Erlebnissen steht ein Aspekt, der mich immer wieder besonders beeindruckt und verwundert: Es ist das strahlende Lachen der Jahalin- Beduinen, der Kinder, der Jugendlichen und der Erwachsenen.
Zu sehen, wie die Beduinen trotz aller Schwierigkeiten, die sie umgeben, eine solche Lebensfreude ausstrahlen, war und ist sehr beeindruckend für mich. Für mich ist dieses Lachen ein wenig vergleichbar mit dem Taxi mit der Aufschrift „Good time“, dass an meinem Freund Imad, unserem palästinensischen Computerfachmach, und mir vorbeifuhr als wir uns den Bau der neun Meter hohe Wand ansahen, die die Stadt Azaryah aus „Sicherheitsgründe“ auseinander reißt und damit von dem lebenswichtigen Kontakt zu Jerusalem trennt. Imad habe ich kennen gelernt, als ich mit ihm einen ganzen Tag lang unsere Computer im Study- Center in Azaryha gecheckt habe. „Belohnt“ wurde ich anschließend mit einer Einladung zu Imads Familie, wo es ein herrliches arabisches Gericht zum Essen gab.

Neben den Aktivitäten im Projekt war ich in meiner freien Zeit auch schon ein wenig im Land unterwegs. Ganz zu Beginn war ich mit Jonas und einer anderen deutschen Freiwilligen mit den Rabbis for Human Rights bei einer Olivenernte zur Unterstützung der palästinensischen Bauern in der Westbank, da es bei ihren Ernten nahe den israelischen Siedlungen in der Vergangenheit immer wieder zu gewalttätigen Zwischenfällen zwischen ihnen und den Siedlern gekommen war. Es war ein Tag mit bestem Wetter, als wir die Olivenbäume erreichten. Die steinige, trockene Hügellandschaft schien gerade erst zu erwachen. Auf den Spitzen der Hügel waren ringsum israelische Siedlungen zu sehen, mit ihren typischen roten Dächern, dem weißen Sandstein und der sie umgebenden Mauer. Neue Häuser waren gerade im Bau, und die offenen Stellen in der trockenen roten Erde zeigten, wie der weitere Siedlungsausbau aussehen wird. In den Tälern zwischen den Hügel standen die uralten Olivenbäume mit ihrem grau- grünen Laub. Hier und da waren Feigenbäume zu sehen, die zwischen den Überresten von alten Terrassenmauern standen. Es schien ein guter Tag für eine Olivenernte. Auch wenn kurz nach dem Treffen mit dem Bauer und den ersten Oliven im meinem Eimer bereits israelische Soldaten und ein Sicherheitsverantwortlicher der angrenzenden Siedlung eintrafen, um unsere Anwesenheitserlaubnis zu überprüfen, so konnten wir doch schon die ersten Säcke füllen. Als es dann aber zu den Bäumen kam, die im „Sicherheitsareal“ der Siedlungen standen, war das Ende der Olivenernte erreicht. Aufgrund der „Sicherheitsbedenken“ der Siedler forderten uns schließlich die Soldaten auf, den Ort zu verlassen. Es war ein denkwürdiger Augenblick, als der palästinensische Bauer, der durch den Bau dieser Siedlung auf seinem Grundstück 400 von 600 Olivenbäumen verloren hat, den Siedlern zurief, dass er ihre Kinder „genauso liebe wie seine“. Eine Antwort blieb aus.
Weiter Ausflüge habe ich nach Hebron und Bethlehem gemacht. Beide Städte haben einen traurigen Eindruck auf mich gemacht. Der Bau der Mauer um Bethlehem und die israelische Siedlung mitten in Hebron schienen diesen Städten alle Lebensfreude geraubt zu haben.
So habe ich in den ersten Wochen insbesondere das Leben der Palästinenser mit all den Schwierigkeiten ihrer jetzigen Situation kennen gelernt. Deshalb war ich dankbar, dass Suzan, eine israelische Lehrerin, eine palästinensische Freundin aus Jerusalem und Anna und mich zu einem Gespräch mit ihren beiden Englischklassen und einem Knesset Abgeordneten am „Internationalen Tag der Menschenrechte“ eingeladen hat. Solche Begegnungen sind wichtig, da sie mir die Möglichkeiten geben, andere Perspektiven und Meinungen kennen zu lernen.

Assalamu Aleikum,

Euer Hendrik

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