Das Camp

  Aktuelles
  Archiv
  Das Projekt
  Die Jahalin
  Literatur
 Unterstützung
  Links
  Kontakt
  

Berichte

Spenden, damit der Ballen ins Rollen kommt!
Der Spendenaufruf für den Sportplatz als pdf

 

30. Juni 2006

6. Bericht aus Israel/Palästina

Liebe Freunde und Verwandte, liebe Interessierte,

weiter geht es nun also mit den Ereignissen der letzten Wochen. Dabei ist für mich vor allem eine entscheidende Veränderung zu nennen: ich bin umgezogen. Seit Anfang Mai wohne ich nun mit Maxim, einem anderen Freiwilligen aus Deutschland und gleichzeitig einem meiner besten Freunde hier, in einer kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung zusammen. Unsere neue Bleibe liegt in Abu-Tor, dem einzigen arabisch-jüdisch gemischten Stadtteil Jerusalems, genau auf der Green Line, der Israelisch-Jordanischen Grenze von 1967. Mehrmals am Tag hören wir hier die Muezzine der Moscheen aus den angrenzenden, rein arabischen Stadtteilen Silwan und Ras-Al-Amud singen; ihre Gebetsgesänge sind nichts neues mehr für mich, meistens fällt es mir gar nicht mehr auf. Nur morgens um vier Uhr ist es etwas gewöhnungsbedürftig, wobei ich mittlerweile auch davon nicht mehr aufwache. Ab spätestens acht Uhr hingegen weckt mich hingegen etwa halbstündlich der arabische Gasverkäufer, der offenbar ganz besonders gerne durch unsere Straße fährt und mit seinem Vorkriegs-Megafon lautstark seine Anwesenheit verkündet. Das Beste an der neuen Wohnung ist die kleine Terrasse, umschlossen von anderen Häusern und Bäumen, idealer Ort für abendliche gemütliche Beisammensein, oder zum Berichte schreiben, wie ich es jetzt gerade in der prallen Mittagssonne tue. Vom Dach des Hauses hat man außerdem einen herrlichen Ausblick auf die Altstadt mit Felsendom und Al-Aqsa-Moschee, den dahinter liegenden Ölberg und die angrenzenden arabischen Stadtteile – und eben auch auf die Mauer in Abu Dis, wie ihr es auf dem ersten Bild des letzten Berichts sehen konntet. Doch nun zu den letzten Wochen. Die Projektarbeit verlief relativ gleichbleibend, heraus zu heben ist lediglich die Abschlussfeier der Anwuar-Schule, wo ich Englisch unterrichtet hatte. Ende Mai ist das Schuljahr auf palästinensischer Seite zu Ende gegangen; anlässlich dazu haben die Lehrerinnen der Anwuar-Schule eine Abschlussfeier organisiert, die den Kindern, aber auch ihren Eltern und Geschwistern ein paar schöne, erlebnisreiche Stunden beschert hat. Es wurden Lieder und Tänze aufgeführt und kleine Wettbewerbe angeboten. Mit den Jungen aus „meiner“ Klasse habe ich den altbekannten Macarena-Song aufgeführt, was für allgemeine Erheiterung gesorgt hat. Am Ende haben die Kinder ihre Zeugnisse überreicht bekommen und wurden in die dreimonatigen Ferien verabschiedet. Mit dem Ende des Schuljahres endet somit auch mein Unterricht an der Anwuar-Schule. Nun liegt das Haupt-Augenmerk auf der Vorbereitung des Sommercamps für die Kinder der Beduinen, in meinem Fall vor allem für die Jungen. Dabei wird vor allem der Sport eine große Rolle spielen, für den wir hoffentlich den Sportplatz fertig stellen könne. An dieser Stelle möchte ich mich bereits ganz herzlich für die ersten eingegangen Spenden bedanken, Eure Hilfe und Unterstützung ist sehr wichtig! Bereits Ende April und Anfang Mai wurden in Israel mehrere hohe Feiertage begangen. Neben dem Independence-Day und dem Gedenktag für gefallene Soldaten ist mir vor allem der jüdische Holocaust-Gedenktag in starker Erinnerung geblieben. An diesem ansonsten regulären Arbeitstag wurde in ganz Israel morgens um zehn Uhr der Opfer des Holocaust gedacht. Für zwei Minuten unterbrachen die Menschen jede Tätigkeit, der Verkehr stand still, als einziges Geräusch war die Sirene zu hören, die aus Radios, Fernesehen und aus den Straßen schallte. Am Vorabend zum Holocaust-Tag war ich auf einer Gesprächsrunde mit israelischen und deutschen Menschen aus der zweiten und dritten Generation nach dem Holocaust. Ausgehend von dieser Veranstaltung, aber auch von anderen kleineren Situationen und Gesprächen ist mir in den letzten Monaten deutlich geworden, welch große Rolle der Holocaust zum Einen für den aktuellen Konflikt hier spielt, zum Anderen aber auch nach wie vor bei der Sicht vieler Israelis auf das heutige Deutschland und seine Menschen einen bewusst oder unbewusst großen Teil einnimmt. Zwar habe ich negative Reaktionen auf mich, weil ich aus Deutschland komme, fast nie direkt erlebt, im Gegenteil, meistens wird interessiert und offen reagiert. Ich spüre aber mitunter, dass unter der Oberfläche eine gewisse Skepsis oder Ablehnung gegenüber Deutschland im Allgemeinen herrscht, auch bei der dritten Generation. Es scheint ein Bild aufrecht erhalten, dass ich schwer in Einklang bringen kann mit dem Bild, was ich ausgehend von meiner Erziehung, Umgebung und meinen Erfahrungen in Deutschland habe. Im Mai war ich natürlich auch wieder ein bisschen unterwegs im Lande hier. So habe ich unter anderem ein dreitägiges Seminar für deutsche Volontäre besucht, dass in Haifa stattfand. Das Thema des Seminars war „Kunst und Kultur in Israel – mit jüdischen und arabischen Künstlern“. Vom ersten Tag sind mir vor allem zwei Programmpunkte in guter und eindrucksvoller Erinnerung geblieben. Zunächst hörten wir einen Vortrag von einem jüdischen Maler, der als Jugendlicher Auschwitz und Buchenwald überlebt hat. Die Malerei ist sein Medium gewesen, seine Erfahrungen zu verarbeiten und der Welt mitzuteilen. Am Abend war ein arabischer Pantomime-Künstler zu Gast, der uns von der Entwicklung des Theater in der arabischen Welt berichtet hat. Seine Art, vorzutragen, war geprägt von seiner eindrucksvollen Gestik und Mimik, seine kleinen Darbietungen zwischendurch sorgten für allgemeine Erheiterung. An den anderen Tagen gab es Ausflüge zu verschiedenen Künstlern in und um Haifa und Gruppenarbeit. Insgesamt ist mir Haifa als eine Stadt in Erinnerung geblieben, in der Juden und Araber sehr friedlich und sehr vermischt miteinander leben. Die Atmosphäre dieser Mittelmeerstadt, die vor allem für ihren Hafen und ihre Industrie bekannt ist, war nicht zu vergleichen mit der Jerusalems. Letztendlich hat zu meinem positiven Gesamteindruck sicher auch die hervorragende Reggae-Party beigetragen, die ich mit anderen Freiwilligen im Anschluss an das Seminar genossen habe. Ende Juni bekam ich die Möglichkeit, ein paar Tage am See Genezareth im Norden Israels zu verbringen. Gelegenheit dafür bot die Regionalkonferenz der ZFD-Projekte in Israel-Palästina, zu denen auch unser Jahalin-Projekt gehört. Dort habe ich das Protokoll geführt und nebenbei das heiße Wetter, die wunderschöne Aussicht und den See genießen können. Gleich nach den vier Tagen in Tabgha bin ich spontan nach Newe Shalom gefahren, einem kleinen Dorf zwischen Jerusalem und Tel Aviv. Hier leben und arbeiten 50 jüdische und arabische Familien gemeinsam, in der Schule wird auf arabisch und hebräisch unterrichtet. In Wahat-Al-Salam (arabischer Name des Dorfes) arbeiten mehrere deutsche Volontäre, die ich dort besucht habe. Der erste Tag dort war so angenehm dörflich entspannt, dass ursprüngliche Pläne, noch nach Tel Aviv oder Ramallah zu fahren, schnell verworfen wurden. Am Wochenende darauf haben Maxim und ich uns dann auf nach Ramallah gemacht. Es war der Tag nach den Explosionen am Strand von Gaza, von denen Ihr sicher gehört habt. Bis jetzt höre und lese ich darüber verschiedene Aussagen und Einschätzungen, wer verantwortlich für diese Tat war, Klarheit herrscht offenbar immer noch nicht. Wir selber hatten noch gar nicht gewusst, was überhaupt passiert war, das Eröffnungsspiel der WM hatte uns wohl zu sehr in seinen Bann gezogen. Jedenfalls trafen wir in Ramallah auf zahlreiche geschlossene Geschäfte – Abbas hatte einen dreitägigen Streik ausgerufen aufgrund der Geschehnisse in Gaza, wie wir später erfuhren. Trotzdem war in Ramallah viel los, die wenigen geöffneten Läden und die unzähligen Gemüse- und Obststände in der Innenstadt reichten aus, um das für arabische Städte typische Straßenflair zu entfachen. Unsere blonden Haare und besonders Maxims Dread-locks ließen uns natürlich nicht gerade im Gewühl untergehen, im Gegenteil, wir wurden permanent begrüßt, angesprochen und eingeladen, mit Obst und einer kleinen Palästina-Flagge beschenkt und kamen auch sonst kaum dazu, in Ruhe nach Schuhen zu schauen, die wir dort kaufen wollten. Nachdem dieses erledigt war, haben wir uns mit Kabbab-Pita an den zentralen Platz in Ramallah gesetzt und dem Treiben ein wenig zugesehen. Zunächst nur mit einem Eis-Verkäufer in ein Gespräch halb auf Arabisch halb auf Englisch verwickelt, gesellten sich schnell wieder andere Männer um uns, von denen drei uns schließlich zum Tee einluden. Etwas raus aus dem Lärm der Innenstadt haben wir ganze zwei Stunden beieinander gesessen, bei Tee und Zigaretten im Schatten über Gott und die Welt diskutiert, den Männern erzählt, was wir hier machen und ein bisschen aus ihrem Leben erfahren. Der jüngste von ihnen, nicht viel älter als wir, stellte sich als ein Dichter und Schreiber heraus, der in Ramallah offenbar schon recht bekannt ist. Spontan schrieb dieser Karim Oode für uns ein Gedicht auf arabisch nieder, was uns auch mehr oder weniger deutlich auf Englisch übersetzt wurde. In jedem Fall war es eine interessante und lustige Runde, in der wir uns da befanden, bevor wir uns am frühen Abend auf den Rückweg nach Jerusalem machten. Die beiden Städte liegen ungefähr 10 km auseinander, in guten Zeiten brauchte man vielleicht 20 Minuten von einem Zentrum zum anderen. Mittlerweile kann man mit einer Stunde Fahrtzeit zufrieden sein, aufgrund der Mauer und des berüchtigten Qalandia-Checkpoints zwischen Ramallah und Jerusalem dauert die Fahrt oft sehr viel länger. Zu unserem Glück fuhr der Bus auf der Rückfahrt einen Umweg, der uns statt Qalandia „nur“ einen Auto-Checkpoint bescherte. Dennoch konnte ich auf der Fahrt sehen, wie sich alles verändert hat rund um Qalandia seit meinem ersten Besuch in Ramallah im Oktober. Die Mauer ist überall präsent, ihr Verlauf weder genau zu erkennen noch nachzuvollziehen. Sicher ist nur, dass sich die Situation für die Menschen, die dort leben und arbeiten, immer mehr verschlechtert, die Bewegungsfreiheit immer mehr eingeschränkt wird. Noch ist die Mauer ein Stückwerk, und schon jetzt sind ihre fatalen Auswirkungen deutlich sichtbar. Dennoch wächst sie weiter, werden weiterhin Tatsachen geschaffen, die für unabsehbare Zeiten bestehen bleiben und einen palästinensischen Staat im Keim ersticken. Wie sich die Situation hier weiter entwickelt, vermag ich kaum einzuschätzen. In den neun Monaten, die ich nun hier bin, habe ich vor allem gelernt, dass sich in kürzester Zeit sehr viel verändern kann hier. Und dass es trotzdem immer weiter geht, dass das Leben nicht still steht, dass niemand aufstehen wird und sagen wird „Schluss jetzt, so geht es nicht weiter“. Meine Zeit hier ist allerdings begrenzt, die letzten beiden Monate liegen vor mir. Sie werden hoffentlich noch viele Erfahrungen und Erlebnisse mit sich bringen. br>
Bis dahin seid alle ganz lieb gegrüßt aus Jerusalem,

Euer Jonas Calabrese

Aktuelles - Zum Archiv