Das Camp

  Aktuelles
  Archiv
  Das Projekt
  Die Jahalin
  Literatur
 Unterstützung
  Links
  Kontakt
  

Berichte

Spenden, damit der Ballen ins Rollen kommt!
Der Spendenaufruf für den Sportplatz als pdf

 

04. Juni 2006

5. Bericht aus Israel/Palästina

Liebe Freunde und Verwandte, liebe Interessierte,

lange ist es her, seit ich mich das letzte Mal bei Euch gemeldet habe. Mitte Mai hatte ich einen weiteren Bericht schon angefangen, der aber nach kurzer Zeit nicht mehr aktuell war, sodass ich nun von neuem beginnen muss. Seit März ist so viel passiert, dass ich nicht alles in einen Bericht packen kann. Damit es aber endlich mal losgeht, werde ich euch jetzt erst mal berichten, was ich bis Ende April erlebt, gearbeitet und gesehen habe. So bald wie möglich werde ich dann auch den Rest zu Papier bringen und Euch schicken, damit Ihr wieder auf dem Laufenden seid. Der März und April brachten neben gelegentlichen hochsommerlichen Einlagen noch ungewöhnlich „viel“ Regen und kühle Temperaturen, was der Natur in diesen Breiten aber sehr gut getan hat. Noch lange hat sich das Grün gehalten, bevor die sengende Sonne es nach und nach in Gelb-Braun verbrannt hat. Mittlerweile hat es seit mehreren Wochen nicht mehr geregnet, aber dazu komme ich später.
Im Projekt hat sich der Bau des Sportplatzes zu einer wahren Mammut-Aufgabe entwickelt. Den ganzen März und April über wurde daran gearbeitet, mittlerweile ist die Schräge, wo der Platz hingebaut wurde, begradigt und eine Betonmauer um den Platz errichtet worden. Leider haben sich die Kosten für die Fertigstellung aber während dem Bau-Prozess als deutlich höher herausgestellt, als ursprünglich einkalkuliert. So ist der Bau nun zum Erliegen gekommen, weil die dafür vorgesehenen Finanzmittel ausgeschöpft sind. Eine Woche vor Beginn der Weltmeisterschaft in Deutschland stehen wir also mit einem noch nicht bespielbaren Platz und ohne Geld da, die Sommerferien auf palästinensischer Seite haben begonnen und wir wollen möglichst bald verschiedene Sportaktivitäten mit den Kindern der Jahalin starten. Ich greife auf diesen Punkt vor, weil wir vom Projekt nun auf Spendenmittel angewiesen sind, um den Platz fertig zu stellen. Im Anhang findet ihr entsprechend auch einen von mir verfassten Spendenaufruf zu diesem Thema. Ich wäre euch sehr dankbar, wenn Ihr diesen Aufruf an alle weiterleiten könnt, die uns möglicherweise bei diesem Problem unterstützen könnten. Neben Privatpersonen wäre sicher eine Anfrage bei lokalen Sportvereinen und Institutionen, die mit Sport zu tun haben, hilfreich.
Trotz unfertigem Sportplatz habe ich natürlich weiterhin mit den Jungen viel Fußball gespielt, bisher eben weiterhin unter den schwierigeren Bedingungen auf dem Hügel. Die Jugendfußball-Mannschaft hat mittlerweile auch schon ein paar Spiele in ihren neuen Trikots gegen Mannschaften aus der Umgebung bestritten, einen Bericht dazu findet Ihr auf der Website des Projekts.
Mein Englischunterricht in der Anwuar-Schule lief normal weiter bis zum Schuljahresende, außerdem habe ich weiterhin Suleiman auf dem Hügel Englisch Nachhilfe gegeben. Neben dem normalen Englisch-Programm für seinen Schulunterricht haben wir uns viel einfach nur unterhalten, halb auf Englisch, halb auf Arabisch. So lernen wir beide etwas dazu und zusätzlich war es für mich sehr spannend, einen kleinen Einblick in das Privatleben und die Interessen dieses Jungen zu bekommen, der unter so ganz anderen Bedingungen aufwächst, als ich es in Deutschland tat. Bei ihm in der Wellblechhütte zu sitzen, den obligatorisch servierten Tee zu trinken und ihm dabei von meinen Verhältnissen in Deutschland zu erzählen, war eine seltsame und zum Denken anregende Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Und zu sehen, wie dieser Junge trotz aller Schwierigkeiten, die ihn umgeben, eine Lebensfreude ausstrahlt, Pläne für die Zukunft hat und neben Schule und häuslichen Verpflichtungen nicht seine Leidenschaft für Fußball verliert, war und ist sehr beeindruckend für mich.

Seit mehreren Wochen haben wir im Projekt nun auch wieder einen männlichen Mitarbeiter auf palästinensischer Seite. Anan kommt aus Ost-Jerusalem, ist gelernter Informatiker, arbeitet momentan aber in einer Auto-Werkstatt. Er hat schon mehrere verschiedenste Berufe ausgeübt, vom Elektriker bis zum Chefkoch in einem kleinen Hotel seines Onkels. Nur in dem Beruf, den er studiert hat, konnte er sich noch nicht beweisen, womit er das Schicksal vieler junger Palästinenser teilt, die trotz sehr guten Ausbildungen aufgrund der miserablen Arbeitslage kleine Hilfsjobs annehmen müssen. Zumindest in unserem Projekt kann er nun zweimal wöchentlich sein Wissen im Computerbereich anwenden und weitergeben, nach langer Pause haben nun endlich wieder Computerkurse in unserem Study-Center begonnen, für Jungen und Männer.
Am Beispiel Anan´s ist mir einmal mehr die Bedeutung der Mauer für die Palästinenser deutlich geworden. Anan wohnt wenige Minuten von Azaryah entfernt, allerdings auf der Jerusalemer Seite der Mauer. Von Jerusalem aus kommend, kann er das sogenannte „Bauwebbe“, einen Spalt in der Mauer in Azaryah, passieren und ist kurze Zeit später in unserem Study-Center. Auf dem Rückweg aber muss er einen Umweg von mehr als einer Stunde in Kauf nehmen, weil seit ein paar Monaten das „Bauwebbe“ in die andere Richtung nicht mehr offen ist. Das bedeutet, dass dort israelische Soldaten stationiert sind, die allen Palästinensern von Azaryah aus kommend den Durchgang verweigern, auch denjenigen wie Anan, die eine blaue Jerusalemer ID-Card besitzen, also nach Jerusalem dürfen. Die Begründung dafür, dass man diesen Mauerspalt nur in einer Richtung passieren kann, ist wie immer die Sicherheit. Man verlangt von den Palästinensern, dass sie von Azaryah aus kommend, den neuen Checkpoint hinter dem Ölberg benutzen, oder gleich mit dem Bus an Maale Adummim vorbei in einem riesigen Bogen von der anderen Seite nach Jerusalem fahren, wo es einen Auto-Checkpoint gibt. Dass dieses Verfahren nur vordergründig der Sicherheit Vorschub leistet und eigentlich vielmehr Schikane ist, habe ich selber erlebt, als ich einmal mit Anan nach seinem Computerkurs versucht habe, trotzdem durch das „Bauwebbe“ zu kommen, davon ausgehend, dass wir wegen meinem EU-Pass vielleicht bessere Chancen hätten. Die Soldaten dort ließen aber nicht mit sich reden sondern beharrten auf den ihnen gegebenen Befehlen, sodass wir schließlich zurück geschickt wurden. Anan bot mir daraufhin an, dass wir anstatt des großen Umweges einen kleinen Schleichweg gleich neben dem „Bauwebbe“ durch die Gärten einiger Häuser nehmen könnten, wo die Mauer noch nicht durchgebaut wurde. Trotz des unangenehmen Gefühles, was ich dabei hatte, wenige Meter von den Soldaten entfernt durch die Gärten dort zu klettern, habe ich eingewilligt; fünf Minuten und drei kleinere Mauern und Zäune später waren wir auf der anderen Seite des „Bauwebbe“, wo Anan auch sein Auto geparkt hatte.

Derartige Wege, die jedes Mal mit der Gefahr verbunden sind, von Soldaten, die diese Wege natürlich nach und nach auch kennen, entdeckt zu werden, gehören zum Alltag all jener Palästinenser, die bereits vom Bau der Mauer unmittelbar betroffen sind: Männer und Frauen, deren Arbeit auf der anderen Seite der Mauer liegt, Studenten und Schüler, die Uni und Schule erreichen müssen, Bauern, die von ihrem Land getrennt sind. All diese Menschen müssen sich der Tatsache, dass eine Mauer mitten durch ihre Stadt oder ihr Dorf läuft, unterwerfen, Wege finden, wie sie damit leben können, Umwege finden, wie sie ihr Ziel dennoch erreichen können. Für diese Menschen bedeutet die Mauer also eine tägliche Schikane; für diejenigen aber, die diese Mauer daran hindern soll, Anschläge in Israel zu verüben, bedeutet sie kein unüberwindliches Hindernis. Mitte April hatten wir einen besonderen Tag mit der Anwuar-Schule: in dieser Schule lernen Kinder der Jahalin-Beduinen gemeinsam mit Kindern aus Azaryah, und so entstand die Idee, ein kleines Projekt mit den Kindern zu machen, in dem sie etwas über ihre unterschiedlichen Herkünfte, Traditionen etc lernen sollten. Besonderes Ereignis sollte dabei ein Ausflug zu traditionellen Beduinen und ein weiterer in ein palästinensisches Dorf zu Bauern darstellen. So brachen wir an einem heißen Aprilmorgen mit den 40 Kindern der Schule, ihren Lehrerinnen, ein paar jungen Männern der Beduinen, Nitza und Anna auf und fuhren zu einer Familie der Jahalin, die auf dem Weg nach Jericho am Anfang der judäischen Wüste noch mit Zelten und Tieren lebt. Dort gab es im Gästezelt auf Matten frisches Brot, natürlich Tee und dazu kleine Geschichten für die Kinder über das Leben der Beduinen. Später konnten die Kleinen zusehen, wie das typische Beduinenbrot gebacken wird, Ziegen durften gemolken werden und Käse wurde uns gereicht.
Am Mittag sind wir dann mit der ganzen Gruppe weiter gefahren zu einem wunderschönen Ort noch tiefer in der Wüste. Tief im Tal zwischen den kargen Berghängen gab es einen kleinen Bach, Wasserfälle, Bäume und Büsche. Ausgelassen haben die Kinder im Wasser gespielt und getobt, während die Beduinenmänner ein kleines Picknick vorbereiteten. Auch ich konnte mich dem kühlen Nass nicht entziehen…
In dieser Idylle störten auch die Handvoll israelischen Soldaten nicht, die zwar schwer bewaffnet, aber dennoch gemütlich im Schatten eines Baumes ruhten. Nach einiger Zeit tauchte jedoch ein Mann auf, der sich als verantwortlich für die Sicherheit an diesem Ort ausgab. Mit Maschinengewehr und Hund ausgestattet, teilte er einigen unserer jungen Männer mit, dies sei ein Badeort für israelische Touristen, Palästinenser dürften hier nur mit besonderer Erlaubnis der Militäradministration verweilen. Wir hätten eine Stunde, um zu gehen. Letztendlich bekamen wir an diesem Tag keine Probleme, weil Anna und ich noch einmal mit den Soldaten und dem angeblichen Sicherheitschef sprachen und ihnen unsere Situation erklärten. So durften wir schließlich so lange bleiben, wie wir wollten und die Kinder konnten weiterhin ungestört einen erlebnisreichen Tag genießen.

Jener Ausflugstag lag übrigens genau am ersten Tag des hohen jüdischen Festes Pessach, an dem die Juden der Vertreibung aus Ägypten gedenken. Während des sieben Tage dauernden Pessach-Festes ist es jüdischer Brauch, keinerlei Produkte, die in der Herstellung in irgendeiner Form gären müssen, zu verzehren. So gab es in Westjerusalem eine Woche weder Brot noch Bier zu kaufen, ganze Regale in den Geschäften und Supermärkten waren abgedeckt. Neben den Aktivitäten im Projekt war ich natürlich auch wieder viel in meiner freien Zeit im Land unterwegs. Seit das Wetter nun endlich hochsommerlich heiß ist, versuche ich fast jedes Wochenende irgendwo hin zu fahren. Es ist einfach wahnsinnig, wie viel unterschiedliche Orte, Landschaften und Gegenden man hier in kurzer Zeit erreichen kann. Ende März kam mich mein guter Freund Mauritz für zwei Wochen aus den USA besuchen, wo er gerade seinen Freiwilligendienst verrichtet. Gemeinsam mit ihm und ein paar anderen Freiwilligen bin ich wieder für zwei Tage ans Tote Meer gefahren. Danach sind Mauritz und ich weiter in die Wüste Negev im Süden Israels getrampt. Unser Ziel war Mitzpe Ramon, eine kleine verschlafene Stadt mitten in der Wüste am Rand eines riesigen natürlichen Kraters. Spät abends kamen wir dort an und haben die Nacht nach langer Suche nach einem günstigen Schlafplatz schließlich in einem offenen Beduinenzelt einer Jugendherberge verbracht. Am nächsten Tag sind wir ein bisschen am Rand des Kraters entlang gewandert; leider hatten wir nicht genug Zeit, richtig hinunter zu kraxeln. In jedem Fall war es eine landschaftlich beeindruckende Gegend, diese große Weite der Wüste vor sich zu sehen.

Nach ein paar Tagen in Jerusalem und auf meiner Arbeit sind Mauritz und ich dann noch mit Maxim, meinem jetzigen Mitbewohner, nach Akko gefahren. Akko ist eine alte arabische Stadt am Mittelmeer ganz in Norden Israels. Die wunderschöne Altstadt scheint in das Meer hinein gebaut, auf der Stadtmauer sitzend genossen wir den Sonnenuntergang im Mittelmeer, während unter uns die Wellen gegen das alte Gemäuer schlugen. Kurz nach Mauritz Rückkehr in die Staaten stand für Maxim und mich eine Reise nach Jordanien an, weil unsere Visa für Israel ausgelaufen waren. Da wir aber beide keinen Urlaub nehmen konnten sind wir letztendlich nur für ein paar Stunden über den Jordan gegangen und noch am selben Tag zurück nach Jerusalem gefahren. Glücklicherweise hat man uns an der Grenze nur nachdrücklich darauf hingewiesen, dass wir ein Volontärs-Visum benötigen, uns aber trotzdem weitere drei Monate Visum gegeben. So müssen wir nun Ende Juni wieder nach Jordanien, diesmal werden wir aber eine Woche fahren. Dann werde ich auch etwas genauer über dieses arabische Nachbarland berichten können.
Angesichts der Tatsache, dass nun schon wieder fünf Seiten gefüllt sind, mache ich an dieser Stelle einen Schnitt, damit ihr diesen ersten Teil schon einmal zum Lesen bekommt. Alles weitere, was in den letzten Wochen so passiert ist, kommt in bald. Inschallah!

Bis dahin schicke ich euch sommerlich heiße Grüße aus Jerusalem,

Euer Jonas Calabrese

Aktuelles - Zum Archiv