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23. Februar 2006

3. Bericht aus Israel – Palästina

Liebe Verwandte, Freunde und Bekannte, liebe Interessierte,

nach nunmehr fast zwei Monaten hier wieder ein Bericht von mir aus Jerusalem. Trotz kalten Temperaturen (natürlich nicht annähernd so kalt wie bei euch in Deutschland) und jeder Menge Regen bin ich guter Dinge und genieße meine Zeit hier.
Ich weiß nicht, in welcher Form die deutschen Medien momentan über den Nahen Osten berichten, aber ich kann mir vorstellen, dass der Sieg der Hamas bei den palästinensischen Parlamentswahlen vergangene Woche mit Sorge betrachtet wird. Ich selber bekomme hier wie immer recht wenig von all den politischen Äußerungen, Forderungen und Geschehnissen mit, das Internet ist mehr oder weniger die einzige Informationsquelle. Allerdings interessieren mich die Meinungen der Menschen hier vor Ort teilweise mehr, und ich glaube nicht, dass diese in den Medien angemessen Platz finden. So wird es euch vielleicht wundern, von mir zu hören, dass neben dem Schrecken und der Furcht ob des Hamas-Sieges auch Optimismus zu spüren ist, eine Chance darin gesehen wird. Bei einem Treffen verschiedener ZFD-Projekte der Region gestern in Beit Jala war die Wahl natürlich auch ein Thema und dabei beschrieben mehrere Palästinensische Kollegen, dass dieses Ergebnis für sie auch wie ein Wachrütteln sei, sich noch mehr friedenspolitisch zu engagieren. Auf einer Informationsveranstaltung gestern Abend sprach dann der Journalist Daniel Rubenstein von der israelischen Tageszeitung Haaretz über die palästinensische Wahl und ihre Folgen, und auch hier war die Rede von Chancen und Möglichkeiten, die durch allgemeine Konfusion entstehen könnten. Rubenstein versuchte auch, den Zuhörern ein anderes Wahlszenario vor Augen zu führen, nämlich den allgemein erwarteten Fatah-Sieg und eine starke Hamas in der Opposition. Dies würde zur Folge gehabt haben, dass jegliche Friedensbemühungen von der Hamas im Parlament torpediert worden wären, nun in der Regierungsverantwortung seien sie zu konstruktiver Arbeit gezwungen. Zwar bleibt abzuwarten, wie sich die Situation in den nächsten Wochen entwickelt, zumal im März ja auch in Israel Wahlen sind. Jedoch glaube ich einen Geist von Veränderung und Chancen zu spüren, die hoffentlich in eine positive Richtung führen werden.

Die letzten Wochen waren geprägt von all der Arbeit, die im Zusammenhang mit dem Haushaltsabschluss 2005 vom Projekt anstand. Bereits im Dezember haben wir damit losgelegt, nebenher liefen natürlich auch mein Englisch- und Sportunterricht im Kindergarten und die Arbeit mit den Jungs auf dem Beduinenhügel. Das Verhältnis zu ihnen empfinde ich mittlerweile als viel vertrauter und angenehmer, natürlich auch, weil ich mich mit zunehmendem Arabisch besser mit ihnen verständigen kann. Neben dem Unterricht im Kindergarten gebe ich nun auch mit Nitza zusammen Englisch für ein paar ihrer Hebräisch-Schüler der Jahalin-Beduinen. Zwar findet dies nur unregelmäßig statt, es bereitet mir aber viel Freude zu sehen, wie diese Männer wissensdurstig sind, wie sie ihre freie Zeit opfern, um etwas dazu zu lernen.

Im Dezember haben sich auch die Planungen für einen Sportplatz im Beduinencamp konkretisiert, mittlerweile ist ein Architekt beauftragt, die Vorstellungen auszuarbeiten. Der Baubeginn kann aber noch nicht vermeldet werden, alles dauert eben so seine Zeit hier im Orient. Vor einer Woche waren Anna und ich aber schon mal mit den Verantwortlichen des Fußball-Teams in Aram, einem Ort zwischen Jerusalem und Ramallah, um nötige Fußball-Ausrüstung zu kaufen, Trikots, Schuhe, Bälle etc.

An Heiligabend war ich am Nachmittag mit Freunden in Bethlehem. Mich reizte die Vorstellung, an diesem Datum die Geburtsstadt von Jesus zu besuchen. Leider ist Bethlehem heute alles andere als heilig; die Stadt ist an drei Seiten von der neuen Mauer eingeschlossen, wie ein riesiges Gefängnis. Der neue Checkpoint auf dem Weg von Jerusalem nach Bethlehem ist ein gigantisches Sicherheitsareal und mutet mit all den Sicherheitsschleusen, Kontrollen und schwer bewaffneten Soldaten tatsächlich wie ein Gefängnis-Eingang an.

In Bethlehem war die Stimmung aber trotz Regen und politisch schlechter Wetterlage angenehm. Wir waren in der vollbesetzten Weihnachtskirche, wo es einen sehr schönen und interessanten Gottesdienst gab, nämlich teilweise auf Arabisch, Englisch und Deutsch.

Vom 26. Dezember bis über Neujahr war ich dann für eine Woche in Georgien, wo ich zwei Freundinnen besucht habe, die dort ihren Freiwilligendienst machen. Die schöne und erlebnisreiche Zeit, die ich dort verbracht habe, wurde nur von einem Ereignis negativ geprägt, nämlich den Erfahrungen, die ich bei der Ausreise am Flughafen in Tel Aviv machen musste. Es ist Alltag, dass man dort von Sicherheitsbeamten befragt wird, was man in Israel gemacht, wen man getroffen und wo man sich aufgehalten hat. Dass ich über eine Stunde lang regelrecht verhört wurde, hat mich aber erschreckt und verunsichert, sogar ein bisschen wütend gemacht. Ich kann keinen sicherheits-relevanten Aspekt darin erkennen, Privates aus meiner Zeit hier und auch aus meiner Zeit vorher in Deutschland preisgeben zu müssen, bis ins Detail erklären zu müssen, warum ich nach Georgien reise, wen ich dort treffen werde, Namen und Adressen nennen zu sollen. Im Anschluss an die Befragung musste ich mein gesamtes Gepäck auspacken, jedes einzelne Stück wurde gesondert überprüft, ich sollte Fotos meiner Digitalkamera zeigen und musste schließlich noch in eine Kabine mitkommen, wo man jeden Zentimeter meines Körpers abgetastet hat. Nach dieser ganzen Prozedur habe ich mich einfach nur noch elend gefühlt. Und derartigen Verfahren müssen sich tagtäglich eine Menge Menschen aussetzen.

Nach den Weihnachtsferien stand dann erstmal nur noch die Finanz-Arbeit auf dem Plan, Unmengen von Belegen, Kopien, Excel-Tabellen und Ordnern mussten bearbeitet, vervollständigt und in die richtige Form gebracht werden. Bis in die letzte Woche hat Anna und mich diese Arbeit beansprucht, insofern passte es ganz gut, dass bis dieses Wochenende Schulferien bei den Palästinensern waren, sodass erst jetzt mein Unterricht wieder losgeht.

Ein zweites großes Aufgabenfeld der letzten Wochen war das Aufnehmen, Bearbeiten, Sortieren und Auswählen von Fotos von unserer Projektarbeit. In den nächsten Wochen und Monaten stehen in Deutschland mehrere Veranstaltungen und Ausstellungen im Zusammenhang mit unserem Projekt an, für die gute Fotos gefunden werden mussten. So bin ich mehrere Male gezielt losgezogen, um Fotos vom Beduinencamp, unserer Arbeit dort und von der Umgebung zu machen. Das Fotografieren bei den Beduinen ist übrigens nicht immer möglich, da diese Art sich ein Bild zu machen, aus religiösen Gründen mitunter nicht gern gesehen ist, teilweise schon bei den Kindern. Gerade letztere sind aber auch oft sehr fasziniert von unseren Kameras, wollen fotografiert werden oder am liebsten selber fotografieren. So empfinde ich es manchmal als eine Gratwanderung, die Kamera auszupacken um bestimmte Momente festzuhalten. Trotzallem konnte ich einige schöne Aufnahmen machen, von denen ihr ein paar in diesem Bericht seht.

In meiner freien Zeit versuche ich, neben den verschiedenen Kontakten zu anderen deutschen Freiwilligen natürlich vor allem Verbindungen zu jungen Israelis zu knüpfen. Dabei entstehen die unterschiedlichsten Bekanntschaften. Natürlich fragen die Menschen, warum ich als Deutscher hier nach Israel gekommen bin, was ich hier mache usw. Manche sind beeindruckt von meiner Arbeit mit den Beduinen und meinen Erlebnissen auf palästinensischer Seite, die sie selber, obwohl sie hier leben, oftmals selten oder nie gemacht haben. Trotzdem ist es gerade für Leute in meinem Alter natürlich ein wichtiges Thema, da sie alle zur Armee müssen und dabei vielleicht auch Dienst in den besetzten Gebieten leisten müssen. Umgekehrt ist es für mich eine bereichernde Erfahrung, zu hören, was sie von dem Konflikt denken, und ich versuche ihre Haltungen zu verstehen und nachzuvollziehen, auch wenn sie manchmal gänzlich anders sind als meine. Auch der Holocaust war natürlich Inhalt von Gesprächen mit Jugendlichen von hier. Es war ein denkwürdiges Erlebnis, über die Verbrechen meiner Vorfahren an den Großeltern dieser jungen Menschen zu sprechen, die mir jetzt gegenüber saßen. Und die mir als Deutschem bildlich gesehen wieder die Hand reichen, mich willkommen heißen.

Sobald das Wetter wieder mitspielt, möchte ich in meiner Freizeit auch wieder im Land herum kommen und so viel wie möglich sehen. Auf diesem kleinen Stück Erde, um das so viel gekämpft wird, gibt es noch viel zu entdecken für mich, davon bin ich überzeugt. So hoffe ich, euch im nächsten Bericht neben den Entwicklungen im Projekt auch wieder von verschiedenen Orten von hier erzählen zu können.

Bis dahin wünsche ich euch allen eine gute Zeit, den Kölnern unter euch ne jute schäle Zick und bald wieder wärmere Temperaturen...

Liebe Grüße aus Jerusalem,

Euer Jonas Calabrese

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