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15. März 2006

Ein Streifzug durch Hebron

Das bizarrste Szenario, das man sich ihm Rahmen der israelischen Besatzung vorstellen kann, spielt sich in Hebron ab, wo 500 Siedler in Kooperation mit der Armee Teile der palästinensische Bevölkerung regelrecht tyrannisieren. Offiziell ist die Armee zum Schutz der Siedler präsent. Dennoch bekommen auch wir Schutz von Polizei und Militärkräften, könnten wir doch von feindseligen Siedlern belästigt werden, die nicht gerne Menschen in ihrer Nähe wissen, die sich nicht uneingeschränkt mit ihnen solidarisieren. Selbst die Armee wird von Siedlern kritisch beäugt: auf Hauswänden sind Appelle zu lesen, die die Soldaten dazu aufrufen, Befehl zu verweigern, wenn er gegen Siedler gerichtet ist. Mit der Räumung des Gazatreifens hat sich bekanntlich gezeigt, dass Soldaten nicht immer Erfüllungsgehilfen von Siedlerinteressen sind. In Hebron verhält sich die Situation allerdings völlig anders. Hebron ist "die Mutter aller Siedlungen," die es auf Gedeih und Verderben zu halten gilt. Aufgrund der umfangreichen Sicherheitsvorkehrungen für die Siedler haben bis heute 15 000 Einwohner, die in der Nähe der Siedlung im Stadtkern wohnten, ihre Häuser verlassen. Entweder weil ihre Häuser von Polizei und Armee beansprucht wurden, oder weil sie vor den widrigen Lebensbedingungen letztlich kapituliert haben. Unsere Tour führt durch die verwaisten Sraßenzüge, die an eine Geisterstadt erinnern. Zerstörung und Verwahrlosung, wohin man schaut. Lediglich die vielen Soldaten und der gepanzerte Polizeijeep, der uns auf Schritt und Tritt folgt, verleihen dieser filmreifen Bürgerkriegskulisse den beklemmenden Bezug zur Realität. Auf den verbarrikadierten Hausfassaden sind aufgemalte Davidssterne zu erkennen, gepaart mit Aufschriften wie "Erobert!" oder "das israelische Volk lebt!". Dazwischen erinnern Gedenktafeln an den Preis, den die Siedler dafür bezahlen mussten: ein ermordetes Ehepaar und ein Säugling, der von einem Scharfschützen getötet wurde. Das heilige Hebron zeigt sich als wahrhaftig gottverlassener Ort.
Schließlich finden wir uns im obersten Stock eines Hauses ein, den die Armee vorübergehend als Stellung nutzte. Yehuda Shaul, ein ehemaliger Soldat, der in Hebron diente, erzählt sichtlich bewegt, wie er vor 3 Jahren an gleicher Stelle seinen Granatwerfer bediente. Sein Befehl lautete: "wenn geschossen wird, schießt du zurück!". "Es dauert nur wenige Tage", führt er aus, "dann stumpft man ab!". Ähnlich wie ihm, erging es Tausenden anderen Soldaten, aber nur wenige brechen ihr Schweigen. Yehuda hat es sich Aufgabe gemacht, mit seiner Initiative, die sich "Breaking the Silence" nennt, auf die Wirklichkeit in Hebron aufmerksam zu machen. "Jeder Soldat hat nach seiner Ausbildung eine klare Vorstellung davon, was richtig und falsch richtig ist - in Hebron erlischt diese Vortellung". Die teils extrem jungen Soldaten, die uns begleiten, in düsteren Hinterhöfen verharren oder die vielen Checkpoints besetzen, wirken verstört und müde.
Die nächste Anlaufstelle ist das schwer zugängliche Haus eines Palästinensers, der die Gruppe zum Tee geladen hatte. Da der einfache Weg blockiert ist, schlagen wir uns auf abenteuerlichen Pfaden zu seinem Haus durch. Im Wohnzimmer bekommen wir zwei verwackelte Videos zu sehen: das erste zeigt, wie randalierende Siedler das Haus seines Nachbarn attackieren, großen Schaden anrichten, und das Polizei- und Armeaufgebot nichts unternimmt - außer die Staße abzusperren, um Gefahr von den Siedlern abzuwenden. Das zweite Video zeigt, was für einige palästinensische Schulkinder offenbar beinahe Alltag ist: Sie werden von Siedlerkindern mit Steinen beworfen - von 10 jährigen Mädchen in Kleidchen, die brüllen: "Maa fii Falastiin!" (Es gibt kein Palästina!). Es gibt sogar eine internationale Menschenrechtsorganisation, die palästinensischen Kinder auf ihrem Schulweg begleitet, um sie vor derartigen Übergriffen zu schützen.
Anschließend berichtet unser freundlicher Gastgeber noch, wie er mit Siedlern in Kontakt kommen wollte, um die vergiftete nachbarschaftliche Beziehung etwas aufzulockern, und mit folgenden Worten abgewiesen wurde: "Wenn Ihr mit uns in Frieden leben wollt, dann geht fort von hier!".
Wir verlassen den denkwürdigen Ort und nach einer Stunde Fahrt sind wir wieder zurück in der heilen Welt Jerusalems.

Johannes Heckmann

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