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09. März 2006

Lifta - ein vergessenes Dorf

Am 17. Februar kam ich in den Genuss einer außergewöhnlichen und besonderen Besichtigungstour. Zusammen mit Jürgen vom BSV, der gerade zu Besuch war, und Nitza ging es an den Rand von Jerusalem - nach Lifta. Fünf Kilometer westlich vom Stadtzentrum liegen die Ruinen dieses ehemaligen arabischen Dorfes, überwuchert von Büschen, Gras und wilden Kakteen. Zwischen den teilweise noch gut erhaltenen Steinhäusern blühen Mandelbäume und Mohnblumen, eine Quelle plätschert im Tal Wadi Salman. Verstreut in diesem Tal und an den umgebenden Berghängen zeugen die architektonisch beeindruckenden Gebäude von einem alten, vergessenen Leben in diesem Dorf. Einem Leben, dass 1948 sein jähes Ende fand, als die rund 2.500 fast ausschließlich muslimischen Einwohner ihr Hab und Gut zurückließen und nach Ost-Jerusalem flüchteten. Auslöser für die Flucht waren wiederholte Attacken auf das Dorf duch die jüdischen Terrororganisationen Etzel und Lechi. Bei einer dieser Attacken wurden am 28. Dezember 1947 sechs Menschen im Kaffeehaus von Lifta erschossen. Ende Februar '48 waren dann sämtliche Einwohner Liftas geflohen oder vertrieben worden. Im Gegensatz zu vielen anderen arabischen Dörfern, die damals ethnisch gesäubert wurden, blieb Lifta gut erhalten. Es wurden lediglich die Dächer der meisten Häuser beschädigt, um eine Rückkehr ihrer Besitzer zu erschweren.
Fast 60 Jahre später kletterten nun Jürgen und ich zwischen den Ruinen umher, betraten einzelne Häuser und versuchten uns vorzustellen, wie die Menschen damals dort gelebt haben mochten. Die ruhige, friedliche Atmosphäre und die Ergebnisse von jahrzehntelang ungehemmter Natur ließen nur schwer erahnen, dass hier einmal das Leben pulsiert hat und dann binnen kürzester Zeit gewaltsam vertrieben wurde.
Mittlerweile ist Wadi Salman umringt von den hässlichen Neubauten der Ausläufer West-Jerusalems, Autobahnen und Brücken. Das neue, westlich kapitalistisch geprägte Leben dringt unaufhaltsam vor. Möge Lifta noch lange jene Oase der Ruhe und Besinnung bleiben, wie wir es vorgefunden haben. Und eine Erinnerung an das Unrecht, das seinen Bewohnern in jener Zeit widerfahren ist.

Jonas Calabrese

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