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19. Februar 2007

Hendrik Dürrs zweiter Bericht aus Jerusalem

Liebe Freunde und Verwandte, liebe Interessierte,

nach nunmehr fast zwei Monaten hier wieder ein Bericht von mir aus Jerusalem. Trotz winterlichen Temperaturen, Wind und jede Menge Regen (sogar Schnee für wenige Stunden) bin ich guter Dinge und genieße es hier. Im Februar wurde gerade erst das arabische EID AL SCHATJARA und das jüdische TU B´SHEVAT („new year for the trees“) gefeiert. Beide Feste gelten als ein „festival of planting“, als religiöser Arbeittag, an dem die Menschen in die Felder, Täler und Hügel gehen um Bäume zu pflanzen.

Zu diesem Anlass planten wir auf dem Schulhof der Jahalin-Beduinen eine Baumpflanzaktion mit den Schülern, Lehrern, arabischen, israelischen und internationalen Volontären. Der Versuch, israelische Volontäre bei der Aktion auf dem Hügel mit dabei zu haben, schlug leider fehl. Nichtsdestotrotz kam eine Woche vor der Baumpflanzaktion der Bagger, der 32 tiefe Löcher in den steinigen, harten Boden schaufelte und viel gute Erde brachte. Nitza, unsere israelische Mitarbeiterin, und Milena, eine polnische Volontärin aus dem Office der Rabbies for Human Rights beschrieben und bemalten dann in der Kunststunde gemeinsam mit den Mädchen der Jahalin im Caravan kleine Fähnchen für die Bäume. Auf den Fähnchen standen Wörter wie Friend, Love, Hope, Dream usw. die schließlich an die neugepflanzten Bäume kommen sollten. Als es dann gestern soweit war, war die ganze Altstadt in Jerusalem abgeriegelt und israelisches Militär und Polizeieinheiten beherrschten das Straßenbild. Busse nach Al Azaryah fuhren keine mehr. In der ganzen Welt sollte am Abend über die gewalttätigen Auseinandersetzungen in der Altstadt berichtet werden.

Trotz all dieser Hürden hatten sich am frühen Morgen auf dem Hügel der Jahalin einige internationale Volontäre und viele Kinder und Männer der Jahalin versammelt, um die Bäume in den Boden zu bringen. Es wurde es ein schöner Vormittag. Zusammen mit Iyyat, Ajup, Mussab, Martin, meinem neuen Mitbewohner und Jonas, einem Freund aus Haifa, pflanzten wir einige Bäume und schütteten die Löcher dann wieder zu, wobei uns der Ausblick auf die strahlende, sich vor uns ausbreitende Wüste von jeglicher Mühe entlohnte. Schließlich wurde es dann doch noch mehr Arbeit, aber misch muschkela (arab. Alles kein Problem), wurde geschafft und schließlich wurden von den Mädchen die Fähnchen an die Bäume angebracht. Während ein Fußballspiel der Jahalin und der deutschen Jungs zu Ehren der neuen Bäume veranstaltet wurde, tanzten die Mädels mit den Fähnlein in der Hand um die Bäume herum. Die kleinen und großen Bäume ragten schließlich geschmückt mit roten, grünen und gelben Fähnchen in den blauen Himmel und machten vor dem Hintergrund der leicht grün schimmernden Wüste ein schönes Bild. Ich denke, dass diese ganze Beschreibung einen kleinen Einblick in die Arbeit des Projektes gibt. Denn, auch wenn das Jahalin-Projekt auf „Grasswurzelebene“ arbeitet, d.h. vor Ort mit den Menschen, so ist es doch, wie Anna zu mir sagte, voll in den politischen Kontext eingebunden und unmittelbar von der politischen Stimmung beeinflusst. Marylen, eine Französin, die seit 1967 in Azaryah lebt, viele Jahre in einem palästinensischem Waisenhaus arbeitet und seit langem die Jahalin unterstützt stand neben mir, als wir den Mädchen zusahen, wie sie mit Luftballons in der einen und mit den Fähnchen in der anderen Hand aufgeregt von Baum zu Baum liefen. Ich blickte auf die um die Bäume gepflanzten Kräuter, als sie zu mir sagte, dass Inaschallah (arab. So Gott will) einem dieser Äste die Zeit vergönnt ist, Wurzeln zu schlagen, dass es aber viel wichtiger sei, einfach den Versuch zu machen, so etwas zu pflanzen, als von vorneherein aufgrund der Erfolglosigkeit jeglichen Versuch zu unterlassen.

Ich denke, dass dieser Gedanken viel über dass Projekt aussagt, denn, wie Jonas Calabrese, mein Vorgänger meinte, ist es eines der wesentlichen Herausforderungen des Projektes „immer dranzubleiben, ohne dass man sicher sein kann, was gerade auf einen zu kommt“ und wie sich die Dinge entwickeln werden. Mein Englisch- und Sportunterricht in der Anwuar-Schule lief normal weiter bis zum Schuljahresende. Die Englischstunden mit Suleiman, Iyyat, Hääni und Mussab fanden in den letzten Wochen während der Weihnachtsferien nur noch sehr unregelmäßig statt. Kam es aber zum Unterricht, war es schön, mit den Jungs zusammenzusitzen und die Aufgaben aus ihren Schulheften zu lösen. Dazu gab es dann leckren arabischen Tee und Kekse. Seit einem Monat unterstützt mich James, ein Theologiestudent aus Sambia. Er spricht fließend arabisch und so erreicht er noch mal andere Jungs, wie Iyat, der seine Schule abgebrochen hat. Vor einer Woche hatte James mit ihm das erste Mal Englisch und es war schön zu sehen, wie Iyat mit James im Caravan saß und wie James, mit Stiften und Scheren in der Hand, mit Iyat über „I have a Scissor and you have a pen“ sprach.

Nebenher ist das Fußballspielen für mich wichtiger, da die Verständigung, trotz besserer Arabisch- Kenntnisse noch schwierig ist. Ich empfinde insgesamt die Arbeit auf dem Jabel (arab. Hügel) mit den Jahalin als immer angenehmer und freundschaftlicher. Das Zusammensitzen auf dem Fußballplatz, im Caravan oder beim türkischen Kaffee vor der Autowerkstatt genieße ich sehr, auch weil es mit dem Arabischen langsam besser wird.

In meiner Freizeit versuche ich, neben verschiedenen Kontakten zu anderen deutschen Freiwilligen natürlich vor allem auch Verbindungen zu jungen Israelis und Arabern zu knüpfen. Heiligabend sind wir, Deutsche und Israelis, in der Nacht nach Bethlehem gewandert. Für die Israelis war am Checkpoint nach Bethlehem Schluss, verboten ist der Zugang zu solchen „territories“, auch zur heiligen Stadt Bethlehem. Leider ist Bethlehem heute alles andere als heilig. Die Stadt ist von zwei Seiten von einer 9 Meter hohen Mauer eingeschlossen, Wachtürme stechen alle 100 Meter hervor. Der neue Checkpoint auf dem Weg von Jerusalem nach Bethlehem ist ein gigantisches Sicherheitsareal mit all den Schleusen, Kontrollen und schwer bewaffneten Soldaten. Die Stimmung in der Stadt wollte mir dann auch nicht mehr gefallen, zu grell und zu wenig weihnachtlich war die Atmosphäre. Um mein Visum zu verlängern bin ich letzte Woche für drei Tage nach Jordanien gereist. In der Hafenstadt Akkaba habe ich zwei jordanischen Freunde, Mahmon und Osama getroffen, mit denen ich dann meine Zeit verbracht habe. Am Abend saßen wir in einem Strandkaffee am roten Meer, genossen die letzten Sonnenstrahlen auf die sich vor uns nun samtig rötliche auftürmenden Berge der Wüste, tranken süßen Tee und rauchten Wasserpfeife. Mit Mahmon bin ich dann am nächsten Tag mit dem Bus nach Petra gefahren. Unser Weg führte uns durch eine beeindruckende Wüstenlandschaft, wie ich sie so noch nie gesehen habe. Von den engen Pässen aus waren graugrün gestreifte Pfeiler aus rotem Gestein zu sehen, die in verschiedensten blasenförmigen Gestalten aus den steinigen Geröllfeldern in den Himmel ragten. Schmale Wege führten uns nach der Durchquerung der letzten Berge auf eine offene rötliche Ebene. Schließlich lag vor uns in einem Tal, das Wadi Mussa, die Stadt Petra. Wegen Nebel und Regen haben wir dann die alten, in Stein gehauenen Tempelanlagen von Petra nicht mehr besucht, aber misch muschkela, die zweite Reise in dieses Land ist schon geplant.

Die Jordanienreise war für mich ein klasse Erlebnis. In die Märkte einzutauchen, die Gerüche, das Geschrei, die arabische Musik, die roten Kopftücher der Männer und Frauen, Momente, in denen ich das Gefühl hatte, einen kleinen Einblick in eine mir fremde Welt zu bekommen. Gleichzeitig war es während meiner Reise durch das Land spannend zu sehen, wie sich durch das eigene Erleben Bilder, die sich im Vorhinein in meiner Vorstellung festgesetzt hatten, auflösten und durch eigene Erfahrungen ersetzt wurden. In Deutschland bin ich immer wieder Begriffen wie Fundamentalisierung des arabischen Raumes, der Heilige Krieg und die Gefahr des Islams für die Werte der Westlichen Welt begegnet. Jordanien, ein Land, von dem ich nur wusste, dass es Teil des Nahen Ostens ist, wurde nun durch die Begegnungen mit Mahmon, Osama, Abdull Hamid Bagoutie und den jordanischen Soldaten am Grenzübergang zu einem Land, von dem ich nun selber etwas erzählen kann, von dem ich nun eigene Bilder im Kopf habe. Draußen auf dem Straßenrand wurde ich eingeladen zum Essen. Es gab Fisch, eine Reisplatte, Cola und eine Zigarette dazu. Mein Visum wurde schließlich auch verlängert und so darf ich noch etwas länger meine Zeit hier genießen und das Leben auf diesem Flecken Erde kennen lernen. Ihr Lieben, Ihr seht, es war mal wieder ein rundum voller, ereignisreicher und stellenweise eben auch nicht einfacher Monat, hier, im Heiligen Land. Ich wünsche euch allen eine gute Zeit, den Kölnern unter euch ne jute jäcke Zick und bald wieder wärmere Temperaturen... Liebe Grüße aus Jerusalem, Euer Hendrik

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