Das Camp

  Aktuelles
  Archiv
  Das Projekt
  Die Jahalin
  Literatur
 Unterstützung
  Links
  Kontakt
  

Berichte

Spenden, damit der Ballen ins Rollen kommt!
Der Spendenaufruf für den Sportplatz als pdf

 

22. November 2004

Mögen die Träume ihren Weg zu uns finden... 3. Rundbrief

In Salim Alafenischs* Buch „Das versteinerte Zelt“ muss Musa, ein Beduine, zum Träumen in der Nacht sein neues Steinhaus verlassen. Neue Zeiten brechen für ihn und seine Familie an. Das Leben in den Zelten muss gegen die Steinhäuser eingetauscht werden. Und hier, so stellt Musa nach einiger Zeit fest, kommen die Träume nicht mehr zu ihm. Die Nächte bleiben schwarz. Zaneh, Musas Frau, findet eine Erklärung dafür in den zu engen Mauern des Hauses. Da fühlen sich die Träume wohl zu sehr eingesperrt. Doch diese lieben die Freiheit...

Diese Geschichte fiel mir ein, als ich in diesem Sommer, Anfang Juni, nach kurzem Aufenthalt in Köln, zu den Jahalin-Beduinen zurück gekehrt bin. Von Weitem schon konnte ich sie sehen: Große Kräne ragten in den Himmel, Bagger und Bohrmaschinen machten sich auf dem Hügel breit, riesige Löcher wurden in das steinige Erdreich gerissen. Weitere 60-70 Familien des Stammes der Jahalin-Beduinen haben im frühen Sommer die gerichtliche Erlaubnis zum Häuserbau erhalten.

Große Veränderungen bahnen sich an. Es scheint, dass nicht nur die Erde hier umgewälzt werden soll. Die Jahalin ringen seit Jahren mit dem israelischen Staat um Orte, an denen sie leben können und die ihren wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Bedürfnissen entsprechen. Die Baugenehmigungen und der Bau der Häuser sollen ihnen auch als größere Sicherheit dienen in ihren Anstrengungen gegen neue Zwangsumsiedlungen und weitere Vertreibungen durch die israelische Siedlungspolitik.

Dies ist sicher ein erster bedeutsamer Schritt, wenn auch innerhalb der Familien im Camp nach wie vor große Diskussionen um das Für und Wider dieser Entscheidungen geführt werden. Es waren die Zwangsumsiedlungen, die sie auf diesen steinigen Hügel (in unmittelbarer Nähe einer großen Müll-deponie) gebracht haben. Es ist die „israelische Staatsland-Bildung in der Westbank“, die ihr Leben in den letzten 10 Jahren so radikal veränderte. Neben dem Ringen um Anerkennung ihrer kulturellen und sozialen Identität und um Gleichbehandlung in elementaren Menschenrechtsfragen, werden in den Familien große und grundsätzliche Fragen gestellt: Ist das unser neues Leben als Beduinen? Wie viel Tradition und originäre wirtschaftliche, soziale und kulturelle Identität und Lebensweise kann und wird noch möglich sein? Wie viel „Moderne“ darf Einzug halten, wenn sie vor allem durch äußeren Zwang verordnet wird? Wie schnell und durch wen? Und geht das, die Tradition mit der Moderne zu verbinden?

Sehr unterschiedliche Meinungen und auch Antworten sind im Camp zu hören. Unsicherheiten und Nervosität konnte ich spüren bei meinen Besuchen in den Familien, gepaart mit großem Einsatz der Männer und Familienväter. Das „Komitee der Jahalin- Beduinen (ihm gehören alle Vertreter der Familien im Camp an) hat alle Hände voll zu tun!

Das war die Situation Anfang des Sommers, zu Beginn der dreimonatigen Schulferien und meinem Plan, viele Aktivitäten mit den Kindern, jungen Menschen und Frauen durchzuführen. Es sollte ein Sommervergnügen werden.

Dank sehr schneller finanzieller Unterstützung durch Freunde und Förderer konnte ich meine Arbeit mit den Jahalin-Beduinen fortsetzen (nachdem die Finanzierung durch das Bundesministerium für Zusammenarbeit, kurz BMZ; nicht – wie erhofft – zu diesem Zeitpunkt erfolgte). Hinzu kamen groß-zügige Spenden der Stiftung „Apfelbaum“ und der Organisation “Vacation from war“, wodurch es auch ein Budget zur inhaltlichen Gestaltung der Sommeraktivitäten gab.

Nun fehlten nur noch die Menschen, die das Ganze auch unterstützen konnten und wollten. Sie wurden gefunden und sie kamen aus ganz unterschiedlichen Welten:
** Einige internationale Volontäre der „Rabbis For Human Rights“
** Eine Mitarbeiterin von PARC (Palestinian-Agricultural-Relief-Committee) einer palästinensischen Nichtregierungs-Organisation
** Freunde aus Assariah, dem palästinensischen Dorf in unmittelbarer Nähe des Beduinen-Camps ** Annähernd 20 Frauen und Männer aus Israel im Alter von 16 - 63 Jahren (wovon zehn Volontäre aus Jerusalem ihre Arbeit auch in Zukunft fortsetzen wollen)
** Drei Frauen der „Kölner Frauen in Schwarz“
** Junge Menschen aus Deutschland
** Einige Freundinnen von mir aus Köln
** Der Zirkus Cabuwazi aus Berlin

Nicht zuletzt und überhaupt haben die tatkräftige Unterstützung der Männer des „Jahalin-Komitees“, die herzliche Gastfreundschaft der zahlreichen Beduinen-Frauen und die Übersetzungskünste der jungen Beduinnen-Studentinnen erst das Gelingen dieses Sommervergnügens möglich gemacht. Es waren heiße, turbulente, laute und auch stille, manchmal federleichte und manchmal anstrengende Begegnungen all dieser so unterschiedlichen Welten.
Es war ein kreatives großes Ausprobieren von sehr unterschiedlichen Elementen, Begabungen und Interessen von Menschen, die zum großen Teil vorher nie etwas miteinander zu tun hatten. Oft ein Balanceakt für sicherlich jede und jeden von uns.

All dies geschah während der gesamten drei Monate Sommerferien:
** Wahre „Happenings“ mit den unterschiedlichsten Farben und Techniken
** Skulpturenarbeiten aus Müll
** Gestaltung und Design (hier zeigt insbesondere die Gestaltung des Frauen-Zentrums erste Früchte)
** Schmuckherstellung
** Jonglieren (ein Halbtages-Workshop mit anschließender kleiner Show)
** Fotografie (mit den Studentinnen und einer kleinen Fotoausstellung im Frauenzentrum)
** Spiele (zum Teil selbst hergestellt)
** Englisch und Hebräisch-Kurse (für Mädchen und Jungen, junge Frauen)
** Kochkurse (für die Frauen)
** Eine kleine, feine Bibliothek mit einer wunderschönen Sammlung von Kinder- und Jugendbüchern, Lexika und Lehrbüchern konnte im Sommer im Frauen-Zentrum eingerichtet werden. Den „Kölner Frauen in Schwarz“ und ihrer Initiative bei der Stadt Köln und deren Spende ist dieses wunder-schöne Geschenk zu verdanken. Nachdem im letzten Jahr auf Initiative von Annelise Butterweck und der Evangelischen Gemeinde Bensberg, ein großer Caravan speziell für die Arbeit mit den Jahalin-Frauen zur Verfügung gestellt wurde, wächst, gedeiht und entwickelt sich dieses kleine Zentrum zu einem lebendigen Herzstück in der Arbeit mit den Menschen im Camp.
** Gleich zu Beginn des Sommers gab es schon das erste große Fest für die Frauen. Alle Teilnehmer-innen der im vergangenen Sommer begonnen Kurse (Alphabetisierung, Näh- und Beauty-Kurse) bekamen ihre ersten Zertifikate von Deema, einer Mitarbeiterin von PARC, feierlich überreicht. Natürlich ein Anlass für ein üppiges, köstliches Essen.
** Mit 25 Frauen wurde eine Sommer-Nähwerkstatt eingerichtet. Das Ergebnis waren über 100 farbenprächtig bestickte Umhängetaschen, Brillen- oder Handy-Mäppchen und Haarreifen. All dies wurde und wird zum Verkauf angeboten. Der Erlös wird als Honorar für die Frauen verwendet und dient der Finanzierung des nächsten Nähkurses.
** Sechs Beduinen-Studentinnen haben einen viermonatigen Computer- und Internet-Kurs mit abschließendem Zertifikat besucht. Alle Studentinnen haben nun auch eine eigene e-mail-Adresse und haben sich auch schon per mail mit der „großen Welt da draußen“ in Verbindung gesetzt“.

Neue Zeiten brechen an ...

** Höhepunkt all der Sommeraktivitäten war sicherlich der Tagesausflug und das Picknick mit 120 Kindern nach Jericho. In einer wunderschönen Oase war es ein Leichtes, den Tag zu genießen. Vergnügen pur ... nicht nur für die Kinder.
** Und schließlich der schöne Abschluss der Sommerferien mit dem Zirkus Cabuwazi aus Berlin. Zauberhafte Clowns, JongleurInnen und AkrobatInnen improvisierten und gestalteten eine Zirkusshow vom Feinsten.

Wir sind alle reich beschenkt worden!

Neben diesen Sommeraktivitäten nimmt die Unterstützung für die Jahalin-Beduinen weiter Gestalt an. Die Evangelische Kirchengemeinde Bensberg Gemeinde mit ihrer regelmäßigen zweiwöchentlichen Kollekte für die Jahalin-Beduinen ist hierbei ein ganz entscheidender Motor.
So konnte mit diesem Geld ein weiteres kleines Schulgebäude auf dem Hügel gebaut werden. 30 Grundschüler haben hier nun einen neuen Klassenraum erhalten.
So ist es auch der unermüdlichen Initiative von Annelise Butterweck zu verdanken, dass nach Abschluss des ersten Kursjahres die Finanzierung weiterer Alphabetisierungs- und auch neuer Kurse gesichert ist. Die Finanzierung zum Bau eines Kindergartens im Camp ist ein weiteres wichtiges Anliegen ihrer Arbeit. Von einigen „Frauen in Schwarz“ wird sie hierbei bei der Fundraising-Arbeit tatkräftig unterstützt.

Auf dem Hügel gibt es inzwischen sechs junge Frauen, die an der Al-Quds Universität in Abu-Dis studieren. Vier von ihnen werden inzwischen durch Patinnen aus Köln unterstützt. Ich kenne die Situation der einzelnen Familien und weiß, dass die Finanzierung der Stipendien ein wichtiges Moment bei der Fortführung der Studien ist.

Ein Mitglied des BSV-Vorstandes, Jürgen Glökler, hatte auf seinem Geburtstagsfest im Juni anstelle von Geschenken um eine Unterstützung zum weiteren Ausbau der Schule im Camp gebeten. Dem Jahalin-Komitee konnte ich in seinem und der Gäste Namen eine stattliche Summe übergeben.

Im Reigen der UnterstützerInnen möchte ich auch dem „Frauen-Netzwerk für Frieden“ in Bonn meinen großen Dank aussprechen. Sie hatten Mitte September ein wunderschönes Benefizkonzert zugunsten der Arbeit mit den Jahalin-Beduinen organisiert. Oleg Krimer, Pianist, und Igor Borisow, Violine und Bratsche, erfreuten 80 Menschen mit Werken von Bach, Beethoven, Brahms und anderen. An diesem Abend konnten auch das erste Mal öffentlich die „Werke“ der Beduinen-Frauen zum Verkauf angeboten werden. Eine kleine Fotoausstellung mit eindrücklichen Fotos und Schnappschüssen gab einen gelungenen Eindruck von den Sommerwochen und all ihren Akteurinnen. Hier mein großer Dank an Rosemarie und Dorothea, zwei Freundinnen aus Köln, die am Zustandekommen der „Werke“ und der Foto-Dokumentation einen entscheidenden Anteil hatten.

Die Spendeneinnahmen des Konzerts und der Verkaufserlös werden einen weiteren Jahres-Nähkurs ermöglichen. Ich bin sicher, dass die Jahalin-Frauen sehr glücklich und auch stolz auf dieses Ergebnis sind.

Nachdem so viel Neues in all diesen Monaten geschehen ist, möchte ich mit dieser Nachricht noch ein Letztes hinzufügen: Ich werde ab November diesen Jahres meine Arbeit mit den Jahalin-Beduinen fortsetzen – Inschallah – offiziell für drei Jahre und finanziert vom BMZ in Zusammenarbeit mit dem „Forum Ziviler Friedensdienst“ und dem „Bund für Soziale Verteidigung“.

Diese unerwartete Wendung ereilte uns alle in der Mitte des Sommers. Die Dinge nehmen also neue Gestalt an, die „Maschinerie“ ist in Gang gesetzt, viel Papier möchte bearbeitet, vieles möchte geplant werden. Und ich bin dabei, wieder meine Koffer zu packen. Aufregung, leichtes Herzflattern sind noch meine Begleiterinnen, gepaart mit vielen Ideen und dem großen Wunsch, dass diese Arbeit ihre für mich bislang empfundene Leichtigkeit behält.

Falls ich sie dann doch mal vergessen sollte, die Schwerkraft von mir Besitz ergreifen möchte, so habe ich mir schon vorsorglich einen Ordner „Träume“ in meinem Computer angelegt. Oder aber ich setze mich unter den großen Himmel, damit die Träume genügend Raum haben, zu mir zu kommen. Träume sollen ja auch Flügel verleihen können ...

Das macht Musa in der Geschichte auch: Neben dem Steinhaus errichtet er ein Zelt. Und immer, wenn er seine Träume empfangen will, verlegt er sein Schlaflager an diesen vertrauten, offenen Platz ...

Allen von Herzen meinen großen Dank!


Anna Crummenerl

Aktuelles - Zum Archiv