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07. Februar 2007

Auf den Konflikt programmiert

Mehr als 100 Jahre dauert der Nahost-Konflikt bereits an. Gerade in den letzten Jahren dreht sich die Gewaltspirale zwischen Israel und den Palästinensern immer schneller, rücken Aussichten auf Frieden in immer weitere Ferne. Hätte der Frieden eine dauerhafte Chance im Nahen Osten? Wie wird sich die heutige Jugend Israels und Palästinas in der Zukunft gegenüber stehen? Wie steht sie sich heute gegenüber? Wo finden überhaupt Begegnungen statt? Und gibt es neben allen deutlichen Differenzen auch Gemeinsamkeiten, vielleicht sogar gemeinsames Handeln?

Gerade auf die letzte Frage fällt die Antwort immer schwerer. Denn die Art von Orten, an denen sich Israelis und Palästinenser in geschütztem Rahmen treffen können, werden immer weniger. Seit Beginn der zweiten Intifada im Sommer 2000 dürfen Palästinenser aus der Westbank und dem Gaza-Streifen grundsätzlich nicht mehr nach Israel – Sondergenehmigungen sind die Ausnahme. Schon vorher war die Einreise nur in bestimmten Fällen und tagsüber gestattet. Für Israelis war der größte Teil der Westbank und des Gazastreifens hingegen zugängig. Viele fuhren in die besetzten Gebiete, vor allem um Geschäfte zu machen oder günstiger einzukaufen. Nur die Städte der Zone A (das Westjordanland ist aufgeteilt in drei Zonen. A = palästinensische Autonomie, B = palästinensische Zivil-, israelische Militärverwaltung, C = komplett israelische Kontrolle) waren unzugänglich für Israelis. Zwar hat sich im Grunde nicht viel geändert an dieser Situation, jedoch fahren mit Ausnahme der rund 410.000 Israelis (1), die in Siedlungen in den besetzten Gebieten jenseits der Grenze von 1967 leben, nur noch wenige Israelische Staatsbürger in palästinensisches Gebiet, abgesehen von der Zone C, wo nur eine geringe palästinensische Bevölkerungsdichte herrscht. Grund dafür ist in erster Linie der massive Gewaltausbruch zu Beginn der zweiten Intifada, wo es zu vielen Angriffen auf Israelis im Westjordanland und Gaza-Streifen gekommen ist. Die Bilder von aufgebrachten palästinensischen Massen, die bewaffnet durch die Straßen ziehen, Parolen skandierend und Fahnen verbrennend, werden derart häufig und systematisch in den israelischen Medien gezeigt, dass sie eine Wirkung erzielen, die über objektive Berichterstattung hinaus geht. Gerade für die jüngere Generation sind diese Bilder das einzige, was sie vom Westjordanland kennen. „Du fährst nach Ramallah?“, wurde ich oft entsetzt von Gleichaltrigen gefragt. „Ramallah ist eine Terrorstadt!“. Ob sie denn schon mal dort gewesen seien, oder in anderen Gebieten des Westjordanlandes? „Nein, wir sind jüdisch, also können wir dort nicht hin. Die Araber vergewaltigen uns, sie bringen uns um.“ Die Mädchen im Park sind überzeugt von dem, was sie reden. Und ein Junge fügt hinzu: „Es ist sogar noch schlimmer! Sie töten uns nicht, sie lynchen uns.“ Er spielt damit auf die ersten Tage der zweiten Intifada an, als zwei israelische Soldaten in Ramallah von einer Menschenmenge gelyncht und ermordet wurden. Die Bilder gingen damals um die Welt, in Israel sind sie noch heute in den Köpfen präsent. Dass jener Vorfall in seiner Form einmalig war und schon sechs Jahre zurück liegt, spielt keine Rolle. Man fährt nicht in die „territories“, wie die besetzten Gebiete in Israel schlicht genannt werden, wenn man nicht muss. Die meisten jüdischen Jugendlichen waren nicht einmal in Ostjerusalem, also den arabischen Stadtteilen der „heiligen Stadt“. Andererseits gelten die Siedlungen rund um Ostjerusalem, Maa`le Adummim oder der Siedlungsblock Gush Etzyon bei Bethlehem bei den meisten Israelis nicht als Siedlungen, viele wissen noch nicht einmal, dass es sich dabei um Gebiete handelt, die erst nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 erobert wurden. So veröffentliche die Sprach- und Bildungsdozentin Dr. Nurit Peled-Elhanan von der Hebrew University 2004 eine Studie über sechs israelische Schulbücher, die nach den Oslo-Verträgen veröffentlicht wurden. Dabei war ihr Hauptbefund, dass in den teilweise vom Bildungsministerium empfohlenen Büchern die so genannte Grüne Linie, die Grenze von vor dem Sechs-Tage-Krieg, nicht mehr eingezeichnet und Siedlungen nicht mehr als solche in besetztem Gebiet gekennzeichnet, sondern als Städte in den israelischen Regionen Judäa und Samaria angegeben sind. Zwar forderte Bildungsministerin Yuli Tamir nun, die 67er-Grenze wieder in allen neuen Schulbüchern zu verzeichnen, doch halten Experten es für unwahrscheinlich, dass die teilweise privaten Verleger Änderungen auf ihre Kosten vornehmen würden. Ohnehin sind die großen Siedlungen mittlerweile Tatsachen, die in den Köpfen ebenso gefestigt sind wie auf dem Boden. „Maa`le Adummim ist eine Siedlung? Nein, es ist wie eine kleine Stadt, oder eigentlich fast ein Stadtteil von Jerusalem”, teilte mir ein Bekannter, der dort wohnt, einmal mit.

Al-Azaryah, oder auch Abu Dis genannt, bezeichnet kaum jemand mehr als Stadtteil von Jerusalem. Dabei liegt diese palästinensische Kleinstadt mit ihren etwa 30.000 Einwohnern gleich hinter dem Ölberg, eingeklemmt zwischen Jerusalem und Maa`le Adummim. Vor wenigen Jahren brauchte man keine zehn Minuten mit dem Bus von Jerusalems Altstadt bis Abu Dis. Dies hat sich seit der Fertigstellung der Mauer in Abu Dis im Juli 2003 geändert. Der direkte Weg von Jerusalem nach Abu Dis und vor allem umgekehrt ist versperrt; nun fahren die arabischen Busse einen großen Umweg. In Richtung judäischer Wüste geht es zunächst einige Kilometer hinaus aus Jerusalem, immer parallel zu Abu Dis. Schließlich erreicht man einen Kreisverkehr, der nicht nur geographisch zu verschiedenen Zielen leitet: eingeklemmt zwischen Ausläufern von Al Azaryah und Maa`le Adummim trennen sich hier die Wege von Israelis und Palästinensern, die einen fahren nach links in die eingezäunte, hoch gesicherte Siedlung, die anderen biegen nach rechts auf die mit Schlaglöchern übersäte Hauptstraße Azaryah’s, die sich wieder in Richtung Jerusalem schlängelt, bis sie auf die Mauer trifft. Die meisten Schilder der Geschäfte, die die Hauptstraße säumen, sind in hebräischer und arabischer Sprache – Überbleibsel einer Zeit, als noch viele Israelis zum Einkaufen kamen. Die wenigen, die heute noch kommen, sind aus Maa`le Adummim und fahren nicht allzu weit hinein in den palästinensischen Ort. So hat der „Hintereingang“ Al Azaryah’s durch den Mauerbau auf der Jerusalemer Seite an Bedeutung gewonnen. Und das nicht nur auf wirtschaftlicher Ebene – er ist für die Bewohner Al Azaryahs auch zu einem der wenigen noch offenen Tore zur Außenwelt geworden.

Doch auch hier ist der Mauerbau bereits im Gange, sodass die palästinensische Kleinstadt schlussendlich in westlicher (Jerusalem), nördlicher (Highway Jerusalem – Maa`le Adummim) und östlicher Richtung (Maa`le Adummim, Qedar) eingeschlossen sein wird. „Wir spüren bereits jetzt, wie wir langsam eingesperrt werden“, sagt Saleh Abu Mohammed, ein älterer Bewohner Al Azaryah’s. „Sie haben uns schon beigebracht, dass wir nicht mehr nach Jerusalem dürfen. Als nächstes bringen sie uns bei, dass wir gar nicht mehr aus Azaryah raus können.“

Was bedeutet diese Situation für die Kinder und Jugendlichen in Al Azaryah, stellvertretend für die palästinensische Jugend in der Westbank? Gaza lasse ich hier außen vor, da ich nicht die Möglichkeit hatte, den Gazastreifen zu besuchen und auch niemanden von dort kenne. Prinzipiell lässt sich aber sicher sagen, dass sich der Lebensalltag der Menschen im Gaza-Streifen in den vergangenen Jahren dramatisch verschlechtert hat und die Situation dort ungleich schwieriger ist als sie sich in der Westbank ohnehin schon darstellt.

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